Kategorie-Archiv: Etwas Tiefgang

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Bilateraler Monolog

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Ein Kommentar von Maximilian H. Tonsern und Adrian Engel

In Lech gondelten gestern Journalisten, Politiker und Diplomaten auf die Spitze des Rüfikopf, um in der Gipfeldiskussion zu besprechen, wie Europa auf die Ukraine-Krise reagiert. Kernfrage der Veranstaltung: „Wie kann die Krise friedlich gelöst werden?“ Antworten konnte niemand geben. Wir, zwei junge Europäer, fragen uns daher: Wenn schon diese entscheidungsbefreite Diskussionsrunde nicht über Lösungen sprechen kann, wie stiernäckig müssen sich dann Kiew, Moskau und Brüssel in Verhandlungen verhalten?

In der Ukraine vollführt unser Europa momentan einen gefährlichen Drahtseilakt. Die EU und Russland buhlen um das Land. Die Krim gehört mittlerweile zu Russland, Donezk und Luhansk sind zurzeit selbsternannte Volksrepubliken unter seperatistischer Führung. Die EU setzte, wegen der Ereignisse auf der Krim, auf Sanktionen. Nun haben wir in der Ukraine Krieg.  Wie die EU und Russland mit dieser Krise umgehen, entscheidet also über unsere Zukunft. So freute es uns, dass die Gipfeldiskussionsteilnehmer gefühlsgeladen diskutierten. Dabei wichen viele von ihrer kommunikationsgeschulten Sprache ab: „Russland steht nicht in einem Konflikt mit der Ukraine“, macht der russische Botschafter Sergej Natschajew zuerst trocken klar. Als die Zuhörer spöttisch lachten, platzte der Zynismus aus ihm heraus: „Was ist, habe ich einen Witz erzählt? Sie werden heute noch viele Witze hören!“ Netschajew verteidigte in seiner Botschafter-Rolle offizielle Floskeln, das Publikum machte sich zum Angriff bereit. Es war nicht der letzte gefühlsbetonte Ausbruch des Abends.

Wir erlebten keineswegs distanzierte, sachliche Argumentation, sondern ungehobelte Diskussionskultur. Begleitet von ARD-Korrespondentin Susanne Glass, die mal Teilnehmerin, mal Moderatorin sein wollte, schenkten sich Podiumsteilnehmer wie Gerhard Mangott und Herwig Höller, deren Fehde immer wieder aufflackerte, nichts. Der EU-Abgeordnete Eugen Freund hingegen artikulierte unbeholfen Sachverhalte, während der Auslandsjournalist Igor Pelov dem Botschafter Netschajew in seiner anti-amerikanischen Sichtweise um nichts nachstand. Cathrin Kahlweit, Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, kam zu spät. Sie sprach aus, was stellvertretend für die gesamte Diskussionskultur stand: Ein viel zu irrationaler Austausch, emotionsgeladen, gefühlsgetrieben.

Doch gerade das erweckte in uns die Hoffnung, dass wir Ehrlichkeit erleben würden. Eine Ehrlichkeit, die gegenseitiges Verständnis fördern würde. Doch sowohl das Podium als auch das Publikum agierten seltsam. Niemand unter den Anwesenden war bereit, sich von irgendetwas überzeugen zu lassen. Lieber gab man Statements ab, als einen Dialog zu forcieren.

Die aufgeflackerte Ehrlichkeit zu bündeln wäre der einzige Schritt in Richtung Konsens gewesen. Er blieb aber aus. So wurde deutlich, dass die kleine Gesprächsdynamik auf dem Rüflikopf immer mehr dem Konflikt-Narrativ zwischen der EU und Russland glich: Niemand trägt konfliktlösende Gedanken bei, stattdessen zeigt man beständig mit erhobenen Zeigefinger auf Fehler der Anderen. Niemand war an diesem Abend daran interessiert, mit der gewinnversprechenden Ehrlichkeit zu arbeiten. Lieber beendete man die Podiumsdiskussion und ging getrennt zum Essen.

 

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Ein Podcast für den Nachhauseweg: Mangott und Mayer diskutieren die Rolle der EU

Von Andreas Eymannsberger, Johannes Ruprecht und Stephanie Varga

Am Rande der Podiumsdiskussion auf dem Rüfikopf haben wir einen exklusiven Talk mit den Podiumsteilnehmern Gerhard Mangott und Thomas Mayer aufgenommen. Eignet sich bestens als Zeitvertreib auf dem Weg nach Hause:

„Die Rolle der EU in der Weltpolitik im Schatten der Ukraine-Krise“

Als Russland-Experte kennt sich Gerhard Mangott mit der osteuropäischen Politik aus. Thomas Mayer hingegen ist tagtäglich mit EU-Themen beschäftigt und Nato-Experte.

Hier können Sie den Talk hören:

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