Unabhängig vom politischen Lager

Wo beginnt Manipulation und gibt es Objektivität im Journalismus überhaupt? Valerie Zaslawski, freie Journalistin in Berlin und ehemalige NZZ-Journalistin, im Interview mit der Medienakademie in Lech über die verschiedenen Seiten der Wahrheit.

Von Lisa Wohlgenannt und Julia Andergassen

Der Titel der heutigen Podiumsdiskussion, bei der Sie als Referentin geladen waren, lautete „Braucht es noch Journalismus? Medien zwischen Information und Manipulation“. Wo beginnt für Sie Manipulation?

Valerie Zaslawski: Manipulation beginnt dort, wo Fakten falsch wiedergegeben werden und Dinge absichtlich ausgelassen oder überspitzt dargestellt werden, um die eigene These zu bestätigen. Hat man bereits eine Aussage im Kopf, die man bestätigt haben möchte und deshalb Dinge weglässt, die eigentlich reingehören, ist das Manipulation. Nehmen wir das Beispiel der Ausländergewalt: Wenn Ausländer Frauen attackieren und bewusst nicht erwähnt wird, dass es in Schweizer Paarbeziehungen genauso Gewalt gibt. Das sind Aspekte, die für mich dringend in eine Geschichte müssen. Manchmal passiert es auch unbewusst, dass man Fakten weglässt, weil man nichts von ihnen weiß. Wenn man sie jedoch absichtlich weglässt, um die These zu verstärken, dann ist es Manipulation.

Wie schmal ist der Grat zwischen Information und Manipulation?

Relativ schmal. Journalisten sind Menschen. Menschen, die informieren aber auch eine politische Einstellung haben. Auf der einen Seite gibt es faktenbasierte Berichte, auf der anderen muss man sich die verschiedenen Stimmen anhören und dann aus dem Ganzen ein Bild machen.

Ich neige auch dazu, die politisch Linke höher zu gewichten. Nicht weil ich eine These im Kopf hatte, sondern weil ich dann diese Argumente überzeugender finde. Da ich ein politischer Mensch bin, komme ich um diese Gewichtung nicht herum. Die Frage ist: Was ist die Wahrheit? Für mich ist das wahr, für einen anderen Menschen ist etwas anderes wahr. Es gibt die faktenbasierte, aber auch die menschliche oder die eingeschätzte Wahrheit. Menschen können aus den gleichen Fakten unterschiedliche Schlüsse ziehen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Nehmen wir den Klimawandel her: Es gibt die Klimaleugner und dann gibt es die, die überzeugt sind, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Trotzdem liegen die Klimaleugner per se nicht ganz falsch, wenn sie sagen, es gebe keinen Beweis, dass dieser menschengemacht ist. Sie leugnen ja nicht, dass die Erde wärmer wird, sondern, dass es menschliches Versagen war. Statistiken zeigen, dass der Co2-Ausstoß größer wurde, als die Leute anfingen, industriell zu produzieren. Jeder vernünftige Mensch, würde ich sagen, zieht dann den Schluss, dass das eine mit dem anderen zu tun hat. Aber man kann sich dem natürlich auch verweigern und sich festbeißen, dass es genau für diesen kausalen Zusammenhang keinen Beweis gibt.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Journalisten?

Die größten Herausforderungen sind es, beide Seiten zu beleuchten und zu vermitteln. Je polarisierter die Menschen werden, desto schwieriger wird es, sie zu erreichen.

Die „Zeit“ hat ein Format namens „Streitgespräch“. Da gab es ein Gespräch zwischen einem Vertreter der Autolobby „Fridays for Hubraum“ mit einer Vertreterin von „Extinction Rebellion“ (Anm. der Redaktion: eine Umweltschutzbewegung). Es ist ganz wichtig, dass man Menschen aufeinander loslässt, die eigentlich in komplett anderen Welten leben. Und dass man als Journalist dabei eine Moderationsrolle einnimmt. Man sollte sich auch Mühe geben, Menschen, die man als Wutbürger abgestempelt hat, trotzdem wahr- und ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören.

Im Gespräch mit Valerie Zaslawski

Was hat Sie dazu bewegt, von der Fixanstellung bei der NZZ in die Selbständigkeit zu wechseln?

Zuletzt war ich im Bundeshaus in der Schweiz als Korrespondentin tätig. Das war ein sehr von der Agenda getriebener Journalismus, der sehr anstrengend war. Ich musste jeden Tag damit rechnen, dass im schlimmsten Fall um fünf Uhr noch ein Bundesrat zurücktritt. Ich habe gemerkt, dass es mir nicht guttut, wenn ich das jetzt noch ein paar Jahre mache. Ich kam manchmal aus dem Büro und hätte Lust gehabt, mich vor Stress zu übergeben, weil ich diese Abgaben hatte. Der Druck war so groß, es musste immer schnell gehen. Manchmal, wenn ich einen Artikel abgegeben hatte, hoffte ich, die Fakten auch wirklich richtig zusammengetragen zu haben.

Außerdem war es nicht befriedigend, weil ich gerne meine Geschichten schreibe, eine Nacht darüber schlafe und dann noch einmal drüberlese. Jetzt kann ich mir meine Geschichten, die ich meistens auf der Straße finde, selbst aussuchen.

Inwiefern sind Medienhäuser unabhängig in Ihrer Berichterstattung?

Unabhängig und objektiv sind Wörter, die passen nicht zur Realität. In der Schweiz, und das ist kein Geheimnis, weiß jeder, der sich damit beschäftigt, dass beispielsweise die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ein liberales Blatt ist. Es hat in der letzten Zeit einen Rechtsrutsch durchgemacht.

Grundsätzlich weiß der Leser, welches Weltbild er in welcher Zeitung vermittelt bekommt. Wenn ich eine linke Zeitung lese, erhalte ich ein linkes Weltbild. Ich finde es gar nicht schlecht, dass der Leser so eine Orientierung hat. Wenn es darum geht, mir eine Meinung zu bilden, dann lese ich nicht nur die linke Wochenzeitung, sondern vielleicht noch die NZZ. In der Schweiz gibt es viele Abstimmungen und da hole ich mir auch die schlauen Argumente der Gegenseite. Nicht nur für die Abstimmung, sondern auch für Diskussionen. Ich möchte wissen, was die Gegenseite behauptet, um die Argumente auseinandernehmen zu können.

Zum Abschluss: Was liegt Ihnen als Journalistin am meisten am Herzen?

Ich glaube, es ist ein bisschen meine jugendliche, weltverbesserische Ader, die mir geblieben ist. Es liegt mir am Herzen, etwas zu bewegen und zu einer besseren Gesellschaft beizutragen. Ich wünsche mir, dass wir uns zuhören und anständig miteinander umgehen, egal welches politische Lager wir vertreten.

 

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