Wer bestimmt, was wir morgen lesen

Ivo Mijnssen ist Korrespondent für die Schweizer „Neue Zürcher Zeitung“ in Wien. Ein Gespräch über die Themensetzung im Journalismus.

Von Tamara Esaltato und Anna-Maria Rödig 

Ivo Mijnssen eilt durch den Eingangsbereich des Hotels „Post“ Richtung Veranstaltungsraum, der Live-Podcast „Servus. Grüezi. Hallo.“ am 13. Europäischen Mediengipfel in Lech am Arlberg läuft bereits. Bevor er am Internationalen Presseclub zum Thema „Braucht es noch Journalismus?“ als Diskutant teilnimmt, gibt er der Medienakademie ein spontanes Interview. 

„Für die Demokratie braucht es den Journalismus“, sagt Ivo Mijnssen. Es brauche ihn umso mehr, weil das Informationsbedürfnis durch die Informationsmenge so groß sei. „Heute schaut man auf eine komplizierte Welt und deshalb braucht es Leute, die helfen, das einzuordnen“, sagt er. 

Auch wenn Mijnssen den Journalismus nicht als gefährdet betrachtet, warnt er vor den Folgen der Medienkrise, da PR- und Nachrichtenagenturen oder neue Social-Media-Agenturen wie Storymachine Redaktionen und zunehmend Inhalte diktierten. Er plädiert an den Journalismus, selbstbewusst eigene Themen zu setzen. Journalistische Experten und flache Hierarchien sieht Ivo Mijnssen als Schlüssel für legitimierte und eigenständige Berichterstattung.

PR-Agenturen verfolgen laut ihm nicht dieselben Ziele wie der Journalismus: „Ich glaube, es geht nicht um das Aussterben oder das Nicht-Aussterben von Journalismus, sondern es geht darum, in welcher Form er überleben wird.“

Gratiszeitungen zur Lesebegeisterung

Muss man Gratiszeitungen mit hohen Auflagen als ernstzunehmende Konkurrenz von Qualitätszeitungen betrachten? „Es stimmt natürlich, dass Gratiszeitungen eine gewisse Konkurrenz bieten, da sie auch Werbeanzeigen von anderen Zeitungen abwerben“, erklärt Mijnssen. Für den Korrespondenten des renommierten Printmediums gibt es jedoch keine ernstzunehmende Konkurrenz zwischen Qualitäts- und Gratiszeitungen, da sie sich an unterschiedliche Leserschaften wenden. Leute, die vorher eine kostenpflichtige Zeitung gelesen haben, würden nicht auf die Gratiszeitung umsteigen. 

In den letzten 13 Jahren sind in der Schweiz die Gratiszeitungen wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Laut Verband der Schweizer Gratiszeitungen erreichen die regionalen Gratisblätter Woche für Woche 1,67 Millionen Haushalte und damit jeden zweiten Haushalt der Schweiz. 

Mijnssen erinnert sich: „Als ich in den 90er Jahren im Gymnasium war, kamen diese Gratiszeitungen gerade auf“, berichtet der Korrespondent. „Meine Freunde haben bis dahin gar keine Zeitung gelesen, nun haben sie zumindest eine Zeitung gelesen.“ Mijnssen beurteilt die Gratisblätter darum nicht nur negativ, denn so bringe man Menschen immerhin zum Zeitunglesen. 

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