Live-Podcast: „In der Schweiz bin ich näher am Nestbeschmutzer“ 

Die drei Zeit-Journalisten Lenz Jacobsen, Florian Gasser und Matthias Daum nahmen ihren transalpinen Podcast „Servus, Grüezi und Hallo“ beim Mediengipfel in Lech auf. 

Von Rodrick Martin und Alina Jud

„Feindbilder soll man in einem gewissen Maße pflegen“, sagte Matthias Daum, Büroleiter im Ressort Schweiz-Seiten von „Die Zeit“ in Zürich. Patriotismus, so Daum weiter, funktioniere nur in Abgrenzung zu anderen. In der Schweiz müsse dafür besonders die EU herhalten – „ein Evergreen unter den Feindbildern“. Claudia Gamon, EU-Parlamentarierin für die Neos, wurde extra aus Brüssel eingeflogen und debattierte mit den Zeit-Redakteuren über Europa, Feindbilder und den Patriotismus. 

„Es gibt viel mehr Dinge, auf die man stolz sein kann, wenn man ganz Europa zur Verfügung hat“, stellte Gamon fest. Davon machten die Diskutanten dann aber doch wenig Gebrauch und beschränkten sich auf länderspezifische Phänomene. „Worauf die Österreicher stolz sind, ist vor allem die schöne Landschaft“, sagte Florian Gasser, Tiroler und Redakteur im Ressort „Österreich-Seiten“ von „Die Zeit“ in Wien. Er fügte die guten Knödel und den Neunfachsieg am Patscherkofel noch hinzu. In Österreich funktioniere Skisport als Ventil noch immer sehr gut.

Video von Soraya Pechtl und Martin Auernheimer

„Ich bin stolz darauf, Teil eines politischen Systems zu sein, in dem der Einzelne recht viel zu sagen hat“, konterte Daum. Er verwies aber auch auf die demokratischen Defizite im System und darauf, dass die Schweizer zwar mehrmals im Jahr auf verschiedenen Ebenen abstimmen dürften,  am Ende jedoch nur über fertige Vorlagen und Projekte entschieden.

Bei der Frage, worauf man als Deutscher stolz sei, haderte Lenz Jacobsen, Ressortleiter Politik, Wirtschaft und Gesellschaft von „Zeit online“ in Berlin etwas. Typisch deutsche Werte wie Fleiß und Pünktlichkeit wären heute nicht mehr cool genug. Auch im Politischen pflegten die Deutschen eine gewisse Distanz. „Niemand feiert das Grundgesetz“, merkte Jacobsen an.  

Neben Brüssel als Technokraten-Stadt und dem Bedürfnis der Deutschen, die besten Europäer zu sein, landete die Diskussion am Ende bei lokalen Eigenheiten. Ob diese dem Patriotismus dienten, hänge immer vom Setting ab. „Im Podcast fühle ich mich als Superschweizer. Zu Hause, wenn ich Texte schreibe und mich in der Schweiz bewege, bin ich näher am Nestbeschmutzer“, bemerkte Daum.

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.