China Cables: „Die Medien kopieren das, was die Regierung will“

Die Journalistin Qian Sun ist Deutschland-Korrespondentin des staatsnahen chinesischen Senders Phoenix TV. Sie sprach mit uns über die Internierungslager in der chinesischen Provinz Xianjing, die Demokratiebewegung in Hongkong und die staatliche Zensur.

von Soraya Pechtl und Roderick Martin

Video: Soraya Pechtl, Tamara Esaltato und Anna-Maria Röding

Vergangene Woche veröffentlichten Investigativ-JournalistInnen Dokumente über Internierungslager, in denen bis zu einer Million Uiguren unter menschenrechtswidrigen Umständen gefangen gehalten werden sollen. Die Uiguren sind eine muslimische Minderheit. China-Experten sprechen von einem kulturellen Genozid. Die Süddeutsche Zeitung war an der Aufdeckung der sogenannten China Cables beteiligt und hat umfassend darüber berichtet. 

Die chinesische Regierung sagte, die China-Cables seien eine Fälschung und die Lager würden der Antiterrorbekämpfung dienen. Das internationale Netzwerk für investigative Journalisten (ICIJ) hat die Dokumente geprüft und hält sie für echt. 

Was weiß die Bevölkerung in China von den Lagern in Xinjiang? 

Das ist schwer zu sagen. Viele Menschen wissen, dass etwas los ist, aber nicht welches Ausmaß das hat. Sie wissen, was in den Lagern passiert. Sie denken aber, das ist richtig. Auch weil die Regierung sagt, dass die Lager zur Terrorbekämpfung dienen. Es ist auch wahr. Xinjiang ist eine Grenzregion. Vor ein paar Jahren gab es dort auch Terroranschläge.

Die Chinesen wissen nicht, was Rassismus ist. China ist ein sehr homogenes Land. Die meisten sind Han-Chinesen. (Anmerkung: 92 Prozent der Bevölkerung in China gehören zur Volksgruppe der Han)

Eine Millionen Uiguren sind potenzielle Terroristen?

Die Regierung glaubt, dass es besser sei, Menschen, die gefährlich erscheinen, in Lager zu sperren. Eine Million ist in Österreich vielleicht eine große Zahl, aber in einem Land mit über einer Milliarde Menschen denken viele Leute, dass das ok ist. Zu dieser Zahl von einer Million: Man kann nicht sagen, ob das wahr ist. Das ist nur eine Schätzung. Die chinesische Regierung würde nicht von einer Million sprechen. Das ist eine Zahl von westlichen Medien. 

Experten sagen, das hätte mit Terrorismusbekämpfung nichts zu tun.

Ich habe die Dokumente gelesen und bin ein bisschen überrascht. Die Dokumente sind nicht so stark. Es ist schon ein großer Fortschritt. Es gibt Regierungsdokumente, die sagen, dass die Lager wie ein Konzentrationslager sind. Aber es steht auch ganz klar darin, dass das Ziel Anti-Terror ist. 

In den Dokumenten steht, dass Uiguren präventiv inhaftiert werden, noch bevor sie eine Straftat begangen haben. Wie kann man das argumentieren, dass man Menschen für etwas einsperrt, das sie nicht getan haben?

Menschen, die in einem anderen Teil von China wohnen, denken, das sind Terroristen in Xinjiang. Die Menschen dort haben einen ähnlichen Ruf wie die Roma hier. Sie sehen auch anders aus als die Han-Chinesen und haben einen gewissen Ruf. Das legitimiert nicht, was die Regierung macht. Aber die Wahrnehmung ist, die Regierung macht etwas Gutes für uns. 

Wäre es nicht die Rolle der Medien, darüber aufzuklären, dass das, was die Regierung macht, nicht per se gut ist?

In demokratischen Systemen sind die Medien die vierte Macht im Staat. Sie zeigen auf, was die Regierung richtig und was sie falsch macht. In China richten sich die Medien nach der Regierung. Die Medien kopieren das, was die Regierung will. Der Feedback-Loop einer normalen Medienstruktur funktioniert in China nicht. 

Wie stark ist die Zensur in China? Chinesische Medien berichten nicht über die hunderttausenden Uiguren, die in Xianjing inhaftiert sein sollen. 

Ziemlich stark. Es ist schwer vorzustellen, wie stark das eigentlich ist. Viele Leute in China suchen auch keine Information. Man kann sich das so vorstellen: Über Xinjiang und Hongkong gibt es keine Informationen. Tageszeitungen und Fernsehsender gehören dem Staat. Die Menschen glauben den Nachrichten, die sie dort sehen oder lesen.

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Soziale Medien sind mittlerweile eine große Nachrichtenquelle für die Menschen, aber auch dort ist die Zensur sehr stark. In sozialen Medien ist es einfacher. Zum Beispiel würden Berichte, die Worte wie Xinjiang, Uigur und Lager oder Begriffe wie Hongkong und Protest beinhalten, dort gar nicht erscheinen. 

Aber auch der Sender, für den Sie arbeiten berichtet nicht darüber.

Unser Fernsehsender ist ein spezielles Beispiel. Der Sender stammt aus Hongkong, aber ist immer noch ein chinesisches Medium. Das ist ein Grenzfall. Über manches wird berichtet, über anderes nicht.

Auch in Deutschland leben 1500 Uiguren. Auslands-Uiguren sollen von den Botschaften überwacht werden. Inwiefern bekommen Sie davon etwas mit?

Ich kann das nur aus meiner persönlichen Erfahrung erzählen. Sie überwachen auf jeden Fall, aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Eine Überwachung für die Chinesen in Europa und den USA durchzusetzen, ist schwierig. In China gibt es ein großes Überwachungsnetz. Es gibt viele Kameras. In Deutschland gibt es nicht so viele Kameras. Die sozialen Medien funktionieren hier anders. Die Regierung kann nicht alles über Twitter, Instagram und Facebook überwachen. 

Der Sender, für den Sie arbeiten, hat seinen Sitz in Hongkong. Von den Wahlerfolgen der Demokratiebewegung in Hongkong und den Protesten haben wir weder auf der Homepage noch auf der Facebookseite etwas gelesen. Warum nicht?

Doch, ich glaube das gibt es schon. Seit drei oder vier Jahren gibt es fast keine Videos von uns im Internet mehr. Alle unsere Berichte kann man über eine App anschauen. Das bedeutet, wir haben ein bisschen mehr Freiraum, uns zu bewegen. Diese App ist unabhängig vom ganzen System. Es ist schwieriger für die Regierung, dagegen vorzugehen.

Auf der App kann man auch Berichterstattung über die Hongkong-Proteste sehen?

Ja, kann man schon, aber nochmal: Das ist immer noch ein chinesischer Fernsehsender. Wir haben ein bisschen mehr Freiraum als die anderen Medien in China, aber unser Freiraum ist auch beschränkt. 

Wie lang hält sich Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam noch?

In zwei Monaten werden wir mehr wissen. Die Situation ist schwierig für Peking, auch nach den Wahlen. (Anmerkung: Die Demokratiebewegung hat bei den Bezirkswahlen am Sonntag deutliche Gewinne erzielt) 

Aber Lam ist von Peking ausgewählt worden und deswegen muss Peking sie auch unterstützen. Es ist im Moment eine schwierige Position. Wer wäre denn die nächste Carrie Lam? Es gibt keinen guten Nachfolger. Carrie Lam ist momentan noch die beste Kandidatin für Peking. 

Joshua Wong sagt, die Verhaftung von Krankenschwestern, Ärzten und Journalisten sei ein Kriegsverbrechen. Was sagen Sie dazu?

Ich war zweimal bei einer Pressekonferenz von Joshua Wong. Ich denke, er ist nicht der beste Kandidat für die Demokratiebewegung. 

Glauben Sie, es war richtig, die Journalisten und Ärzte einzusperren?

Ob es ein Kriegsverbrechen war? Ich denke das, was in Hongkong passiert, ist auf einem anderen Niveau. Meiner Meinung nach ist es noch kein Krieg. 

China ist auf Platz 177 von 180 in der Rangliste für Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen. Wie frei können Sie arbeiten?

Ich habe wirklich Glück. Ich bin die Deutschland-Korrespondentin vom einzigen privaten Fernsehsender. Das bedeutet, über Deutschland kann ich fast alles machen. Ein oder zwei Mal sagte ein Redakteur schon, dass etwas sensibel sei und ich aufpassen müsse. Zum Beispiel beim Handelskrieg zwischen China und den USA. Vor allem als der Diskurs sehr groß war. Da wurde mir gesagt, ich muss mit dem Wort Krieg aufpassen. Das war ein Beispiel. Aber ich berichte normalerweise über die Koalition in Deutschland oder wie langsam das Internet hier ist.

Könnten Sie kritisch darüber berichten, dass VW einen Standort in Xinjiang hat?

Nein, das darf ich nicht. Und das ist eigentlich etwas, das in China passiert und worüber die Journalisten in China berichten.

Phoenix-Korrespondentin Qian Sun
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