Globalisierung und Deglobalisierung: Die Welt spaltet sich wieder mehr

Die ehemalige Außenministerin Karin Kneissl sprach beim Mediengipfel 2019 in Lech über eine Welt, die sich immer mehr spaltet. Eine Diagnose über alte und neue Zerrissenheit aus historischer Perspektive.

Von  Julia Pabst und Anna-Maria Rödig

2013 prognostizierte Karin Kneissl in ihrem Buch „Die Zersplitterte Welt – was kommt nach der Globalisierung“ einen Rechtsruck in Europa und den Brexit. Damals wurde sie dafür belächelt. Heute ist der Aufstieg von rechtspopulistischen Parteien Realität, Großbritannien tritt wohl wirklich aus der EU aus.

„Ich habe recht behalten. Dafür braucht man keine Glaskugel. Man muss sich immer wieder zurückziehen und Tendenzen durchdenken. Man sollte eine realistische Diagnose wagen und sich nicht in der Vertrautheit wiegen“, sagte Kneissl. Sieben Jahre nach der Publikation seien ihre Diagnosen weitgehend eingetreten.

Während auf der einen Seite Globalisierung beschworen würde, gäbe es auf der anderen Seite lauter werdende Rufe nach Abschottung. Die Geschichte zeige, dass diese Entwicklungen häufig parallel abliefen: Während in den 1990ern europäische Staaten immer näher zusammenrückten, seien in der Zwischenzeit die Jugoslawische Föderation und die Sowjetunion implodiert.

Kneissl sprach von einem gegenwärtigen Wendepunkt in der multilateralen Zusammenarbeit. Viele internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, OSZE oder NATO würden geschwächt werden, da wichtige Mitglieder Entscheidungen blockierten. Gleichzeitig würden jene Staaten, die die Regeln der Institutionen ignorierten, deren Glaubwürdigkeit zerstören. Als Beispiel nannte Kneissl den Irakkrieg 2003 als Spaltfrage der internationalen Staatengemeinschaft. Der Multilateralismus sei damit weitgehend zusammengebrochen.

Wirtschaft und Macht

Auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit verändere sich derzeit. Nach dem Platzen der sogenannten Doha-Runde der Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2006, sei es auch hier vermehrt zu bilateralen statt multilateralen Abkommen gekommen.

Politisch gesehen würde die Wirtschaft im Nahen Osten und im Kaukasus eine wichtige Rolle spielen. Auch historisch: „Das Britische Empire und das zaristische Russland pokerten um ihren Einfluss in diesem ‚Great Game‘. Ging es in der Vergangenheit noch um strategische Tiefe und Ackerland, so konzentrierte sich der Wettlauf heute zunächst auf fossile Ressourcen, wie Erdöl und Erdgas und jetzt immer mehr auch auf Ressourcen wie unter anderem Lithium.“

Machtverschiebung

Eine europäische Weltkarte sei ein gutes Beispiel für das eurozentristische Weltbild der Europäer: Europa stehe im Mittelpunkt und würde viel größer dargestellt, als es wirklich sei. Dabei würde Europa seinen geopolitischen Einfluss dennoch eher stiefmütterlich behandeln, so Kneissl

In der Zwischenzeit bekräftige China mit seinem Machthaber Xi Jingping seinen chinesischen Nationalismus – den „Sinozentrismus“. Der Westen verliere nicht nur an materiellem Einfluss, sondern auch an ideologischer Dominanz. Der Wandel vom transatlantischen zur pazifischen Weltordnung sei seit 2013 im Gang. Vor allem im Kontext der Digitalisierung hätte China durch seine technologische Kompetenz viel Macht.

Aufstieg und Fall

Globalisierung und Deglobalisierung würden hin und her pendeln. Auch vor dem ersten Weltkrieg hätte es eine Phase des internationalen Zusammenrückens gegeben. Die damaligen Großreiche hätten durch Sprache und Währung die Welt eng verbunden. 1914 sei in Europa trotz enger Heiratspolitik aber Kriegsstimmung aufgekommen. „Heute kommt man aus dem globalen Dorf nicht mehr heraus. Es braucht einen Diskurs, der sich an der Vernunft orientiert. Ein Weg weg von gefühlsbetonten Bildern hin zu rationaler Berichterstattung und Politik“, forderte Kneissl.

Karin Kneissl im Gespräch
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