„Wir verlieren alle“

Beim internationalen Presseclub steht der Brexit im Zentrum. Egal wie er verläuft, die Diskutanten sind sich einig, dass die Folgen für beide Seiten schwerwiegend sind. Ein neues Referendum hält dagegen niemand für sehr realistisch.

Von Olivia Isser und Noah Mitchell Lutz

«Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs.» Mit diesem Zitat von Winston Churchill beginnt die letzte Podiumsdiskussion am diesjährigen Mediengipfel in Lech – und wie könnte es anders sein: Es geht um den Brexit. In wenigen Tagen wird das britische Unterhaus über den EU-Austrittsvertrag abstimmen – ist es also das Ende eines langen Ringens und der Beginn eines neuen Anfangs, wie es der britische Premierminister anlässlich der schicksalshaften Niederlage der deutschen Wehrmacht in Nordafrika 1942 umschrieb?

Eine traurige Entwicklung

Sebastian Borger, Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen in London, hält einen harten, chaotischen Brexit für unwahrscheinlich. Er schliesst nicht einmal aus, dass es auch noch einmal zu einem Referendum kommen könnte – wobei er gleich anfügt, dass er weder wüsste, wie genau die Frage formuliert sein müsste, noch glaube, dass der Ausgang grundsätzlich ein anderer sein werde.

Othmar Karas, Mitglied des Europäischen Parlaments, ist unabhängig vom Ausgang überzeugt davon, dass sowohl Großbritannien wie auch die EU verlieren werden. „Man ist noch immer stärker, wenn man miteinander zu einer Lösung kommt, als wenn man nebeneinander lebt.“ Ein Austritt aus der EU habe direkte Auswirkungen auf den Bürger und die Bürgerin, die Finanzwirtschaft und die internationalen Abkommen. „Das ist eine traurige Entwicklung.“ Für Großbritannien selbst wäre bzw. ist es ein großer Verlust. Laut Karas werden wöchentlich ca. 350 Millionen Pfund an die EU gezahlt. Momentan verliere Großbritannien allerdings in der gleichen Zeit knapp 500 Millionen Pfund. Er geht davon aus, dass sich diese rein finanzielle Bilanz mit dem Austritt weiter verschlechtern werde.

Für Birgit Schwarz, langjährige ORF-Büroleiterin in Berlin, ist unsicher, ob es ein zweites Referendum geben wird. Aus ihren Kontakten in deutsche Wirtschaftskreise weiss sie: „Man bereitet sich auf einen harten Brexit vor“. Darüber, ob die zweite Abstimmung allerdings anders ausfallen würde als im Juni 2016, möchten sie nicht spekulieren. „Ich spekuliere über solch hypothetische Fragen nicht“, zitiert Oliver Washington zur gleichen Frage die deutsche Bundeskanzlerin. Natürlich komme es laut dem Korrespondenten des Schweizer Radios in Brüssel auch stark auf die Fragestellung einer möglichen weiteren Abstimmung an, wie das Ergebnis ausfallen könnte.

Auch ein Kommunikationsproblem

 „Die Briten sind anders“ zitiert Borger den deutschen Journalisten Wolf von Lojewski und findet sowohl bei den Diskutanten als auch beim Publikum Zustimmung. Nicht nur geographisch kann man von einem trennenden Ärmelkanal sprechen; schon immer vertraten die Briten eine andere Weltsicht. In Anbetracht der geschichtlichen Ereignisse des letzten Jahrhunderts überrascht dies jedoch nicht. Kaum eine andere Nation verfügt innerhalb der Europäischen Union über so viele Ausnahmen wie das Vereinigte Königreich. Dabei spricht Sebastian Borger von einem „stolzen und sturen“ Volk mit einem ausgeprägten nationalen Bewusstsein. Nichtsdestotrotz ist Großbritannien ein wichtiges wirtschaftliches und politisches Mitglied der Europäischen Union und des europäischen Marktes.

Gemäß Washington ist ein prinzipielles Problem, dass den Bürgern des Königreichs ein Bewusstsein für die Auswirkungen des Brexit fehlt. Es sei dies anders als die Schweiz, die seit langem in der Beziehung zur Union einen Prozess sieht. Othmar Karas meint hierzu: „Wir haben ein Kommunikations- und Informationsproblem in der EU über deren Inhalt. Es wird national immer so dargestellt, als würde in Europa jemand über uns bestimmen, und wir haben nichts zu sagen.“ Dies sei allerdings nicht nur eine Unzufriedenheit in Grossbritannien, sondern in Europa weit verbreitet.

Alle TeilnehmerInnen sind sich aber in einem einig: Europa verliert mit dem Austritt Grossbritanniens ein wichtiges Mitglied. Und dass der Brexit, egal wie er verlaufen wird, das Verhältnis der Union zu London, aber auch jenes unter den verbleibenden Mitglieder verändern werde.

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