„We are aware of being watched”

Snowden-Anwalt Robert Tibbo warnt vor düsteren Zeiten, fehlender Zivilcourage und Lethargie

Politik findet hinter verschlossen Türen statt. Die heutige Zeit ist von Manipulation und der Unterdrückung der Schwächsten unserer Gesellschaft geprägt. Aktuelle Veränderungen spiegeln sich auch in der Geschichte von Robert Tibbo wider, Anwalt des US-amerikanischen Whistleblower Edward Snowden.

Von Maria Retter und Rebecca Wirbel

“We are moving into darkness and society does nothing”

Die Aufgabe von Anwälten ist es, verletzliche Bürger zu schützen. Das ist auch der Anspruch des kanadischen Anwalts Robert Tibbo, welcher Snowden seit 2013 vertritt. Er leistet Rechtsbeistand, schützt ihn vor den Autoritäten und er sorgte dafür, dass Snowden im Großraum Moskau unterkam. Dafür wird er nun von Politik und Gesellschaft bestraft, fühlt sich bedroht und unter Druck gesetzt. Mit seinem Engagement will er ein Beispiel setzen. Ein Beispiel in einer Zeit, die laut ihm von Dunkelheit und fehlender Zivilcourage geprägt ist. Geflüchtete würden nicht wie Nachbarn behandelt, sagt Tibbo, ihnen würden immer mehr Rechte abgesprochen. Neue Gesetze würden erlassen, die die Schwächsten unserer Gesellschaft am meisten treffen. Warum steht niemand auf?

 “We are all afraid of being watched”

„Wir stehen unter Beobachtung und sind uns dessen auch bewusst“, stellt Tibbo fest. Das äußert sich auch durch triviale alltägliche Entscheidungen, die unser Privatleben betreffen. Mit wem wollen wir gesehen werden? Wen wollen wir finanziell unterstützen? Snowdens Werdegang habe viele wohlhabende Menschen berührt, so Tibbo. Doch viele hätten Angst, mit ihm in Verbindung gebracht zu werden. Ähnliches gelte auch für die Politik. Regierungen wollten sich nicht gegen die USA stellen. So wurden Snowdens Asylgesuche in den vergangenen Jahren von mehr als 20 Ländern der Welt abgelehnt. Die nötigen Ressourcen wären vorhanden, ist sich Tibbo sicher, ausschlaggebend sei politisches Kalkül.

„Your government has you in the corner and you know it”

 

Politische Entscheidungen werden oft hinter verschlossenen Türen gefällt. Das gesamte Ausmaß ist nicht abzuschätzen, doch Snowdens Enthüllungen zeigen, dass die NSA und andere Geheimdienste nicht nur Spitzenpolitiker, sondern auch normale Bürger ausspionieren und permanent Daten sammeln. Das Wissen, dass diese Ansammlung die bloße Gewährleistung unserer eigenen Sicherheit überschreitet, und eines Tages gar gegen uns verwendet werden könnte, führt in seiner Einschätzung zu einem Gefühl der Machtlosigkeit.

“Don’t you ever dare to be a whistleblower. There will be no protection.”

Machtlos fühlte sich auch Tibbo, als die Polizei seinen Wohnsitz in Hongkong durchsuchte. Als ihm nur ein Bruchteil seines Gehalts verspätet ausbezahlt wurde. Als ihm Nachweise über den Verbleib Snowdens in einem Hotel erst mit vier Jahren Verspätung ausgehändigt wurden. Doch er gibt nicht auf. An Seiten der Schwachen kämpft er Tag für Tag gegen mächtige Akteure und Institutionen. Ein Kampf, der in mancherlei Hinsicht ausweglos erscheint. Denn was seit 2013 vorgefallen sei, zeige, was mit Menschen passiere, die aufstehen würden, zeigt sich Tibbo überzeugt.

“We are not innocent anymore, we are fully aware of what is going on.”

Edward Snowden und die Menschen, die ihn in ihrem Zuhause aufgenommen und geschützt haben: Sie alle sind laut Tibbo für die Menschheit aufgestanden, und sie haben ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie sehr wir als Individuen überwacht werden. Fünf Jahre später spionieren NSA und andere Geheimdienste immer noch. Snowdens Enthüllungen seien auch heute noch hochrelevant, meint Tibbo.

Das Bewusstsein durch die Aufdeckungen hat zu einem großen Skandal und medialem Interesse, doch nicht zu einer gewünschten Verhaltensänderung geführt. Das Gegenteil sei zu beobachten, stellt Tibbo fest: Lethargie statt Partizipation, Angst statt Mut, Verantwortung zu übernehmen.

Wir alle sollten aufstehen und uns für unsere Rechte und die unserer Mitmenschen einsetzen, appelliert Tibbo. Mehr Zivilcourage und politisches Engagement wünscht er sich auch seinem Mandanten Edward Snowden gegenüber. Eines Tages würde Snowden in die USA zurückkehren können, zeigt sich der Anwalt zuversichtlich.

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