Vom Provokateur zum Propheten

Kai Diekmann über die Zukunft des Journalismus

Die Medienlandschaft verändert sich rasant. Die Digitalisierung birgt Chancen und Gefahren. Was die Veränderungen für die Zukunft des Journalismus bedeuten, offenbart Kai Diekmann im Gespräch mit Florian Klenk.

Von Fabian Pertschy

Auf dem 12. Mediengipfel hatte Florian Klenk als Chefredakteur des „Falter“ die Ehre, ein Podiumsgespräch mit Kai Diekmann zu führen. Der ehemalige Chefredakteur der „Bild“ stieg angriffslustig in das Gespräch ein, denn „ob es eine Ehre ist, wird sich erst noch zeigen“. Das einstündige Gespräch hatte die Rolle der Medien, ihre zunehmende Instrumentalisierung und ein Ausblick auf ihre Zukunft zum Gegenstand. An Lachern mangelte es nicht, denn gerade in Bezug auf seine Lebensgeschichte hatte Diekmann manch humorvolle Anekdote auf Lager.

 

Instrumentalisierung der Medien

Zu Beginn des ersten Themenkomplexes lieferte der heutige Unternehmer Hintergründe zum „Bild“-Interview mit Donald Trump. Es sei ein mühsames Anliegen gewesen, das er seit der Kandidatur Trumps verwirklichen wollte. Am Ende ermöglichte ihm eine simple SMS die Möglichkeit, nach New York zu fliegen. Die unübliche Vorbereitung bei der Interviewführung sei überraschend gewesen, auch, wie das Büro des eben erst gewählten Präsidenten im Trump Tower auf ihn gewirkt habe: zugemüllt. Er traf nach seiner Einschätzung auf einen entspannten und „aufgeräumten“ Interviewpartner. Den Wert des damaligen Gesprächs sieht Diekmann in der Authentizität, welche die Denkstrukturen Trumps und seine Herangehensweise an politische Themen aufzeigt. Dessen Nutzung der sozialen Medien zeichnet sich nach Diekmann durch eine Inszenierung aus, die mittels einer Auseinandersetzung mit den Medien erzielt wird. Wie Klenk an späterer Stelle ebenfalls hervorhebt, gebe es auch in Europa eine Rückkehr zur Parteipropaganda, die sich dieser Mittel bedient. Politiker bestimmen dabei Themen, die von den Medien aufgegriffen werden. Das wiederum nutzen die gleichen Politiker zur Instrumentalisierung auf ihren Kanälen.

Lagerfeuer der Gesellschaft

Da ein Großteil der Wähler nur noch über soziale Medien erreichbar ist, konstatiert Diekmann eine Veränderung in der politischen Kommunikation. Während der Journalismus früher die Öffentlichkeit zur Verfügung stellte, die von der Politik benötigt wurde und somit das „Lagerfeuer“ der Gesellschaft war, führen die sozialen Netzwerken heutzutage zu einer Erschwerung des Diskurses. Doch Diekmann sieht dadurch auch eine Chance der Demokratisierung. Der Bedarf an gutem Journalismus ist seiner Meinung nach größer denn je, da die Vielzahl an Meinungen einer Moderation bedarf. Einzig die Geschäftsmodelle der klassischen Medien seien überholt, schließlich neige der Trend zum nicht-linearen Konsum, sagt er. Der Lokaljournalismus behält für ihn jedoch einen unumstößlichen Wert.

Digitale Monopolriesen

Die Rolle der Internetriesen wurde in dem Gespräch eher kritisch hervorgehoben. Zwar seien sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und steigerten die Lebensqualität, eine Bedrohung gehe dennoch mit ihnen einher, gab Diekmann zu bedenken. Er betonte die fragwürdige Vormachtstellung von Google und Facebook sowie ihre Möglichkeit, Medienerzeugnisse besser zu monetarisieren. Nach seiner Ansicht ist es zwingend notwendig, dass die nächsten Herausforderungen der digitalisierten Welt nicht verschlafen werden. So müsse der Monopolbildung, etwa im Bereich der künstlichen Intelligenz, Einhalt geboten werden. Globalen Plattformen erlaube die Datenkenntnis, mittels Algorithmen die psychologischen Schwächen des Menschen auszunutzen. Ihre Absicht, den Nutzer mit personalisierten, überraschenden und unterhaltenden Inhalten süchtig zu machen, sorge für eine einseitige Informationsblase. Die Sucht als notwendiges Mittel der Nutzerbindung spricht er jedoch jedem Medium zu, denn wie sonst würde ein Leser jeden Tag den Weg zum Kiosk auf sich nehmen, um ein Exemplar der „Bild“ zu erwerben.

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