Schnellster Journalist der Welt?

Daten, Technologie und die Zukunft des Journalismus am Mediengipfel 2018

Stefan Ströbitzer, selbstständiger Digitalisierungsberater, und Karin Thiller, Geschäftsführerin der APA, sehen in Robotern keine Gefährdung für den Journalismus, sondern eine Erweiterung.

Von: Heba Kamel und Theresa Puchegger


Karin Thiller und Stefan Ströbitzer sprachen über Daten im Journalismus.

Tobi hat nach einer Abstimmung in der Schweiz über 4.000 Texte in drei bis vier Minuten geschrieben. Hinter Tobi steht nicht der schnellste Analytiker der Welt, sondern ein Textroboter. Über ihn und den Einfluss von Daten in den Medien und auf die Zukunft des Journalismus haben Ingrid Schneider, Professorin der Politikwissenschaft an der Universität Hamburg, Ingrid Müller, leitende Redakteurin des Berliner Tagesspiegels, Stefan Ströbitzer, selbstständiger Digitalisierungsberater, und Karin Thiller, Geschäftsführerin der APA, beim Mediengipfel in Lech diskutiert.

Zwar stellt der Roboter aufgrund von Daten Textbausteine zusammen, jedoch sehen die Experten Thiller und Ströbitzer in ihm keine Bedrohung für den Journalismus. „Es ist ein sinnvoller Service überall, wo es nicht darum geht, Fakten zu bewerten“, unterstrich Ströbitzer. Insofern sei er kein Rivale, sondern eine Ergänzung und Unterstützung für die Journalisten.

Personalisierung und journalistische Orientierung

Daten spielen nicht nur bei Robotern eine Rolle, sondern auch bei großen journalistischen Projekten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Recherche zu den Panama Papers von 2016, die auf der weltweit sehr guten Kooperation bei der Aufarbeitung von grossen Datenmengen durch Journalisten fusst. Ein weiteres Beispiel für Datenjournalismus ist gegenwärtig das Projekt „Check your Government“, das von Ingrid Müller vorgestellt wurde. Dieses Projekt beinhaltet eine interaktive Landkarte, auf der anzeigt wird, in welchen Ausschüssen Politiker der Wahlkreise in Deutschland aktiv sind.

Durch Daten können aber auch Inhalte für den Konsumenten maßgeschneidert werden. Das führt zur Segmentierung des Publikums, da nur noch Inhalte angezeigt werden, die im Interesse der einzelnen Leser liegen. Im Gespräch mit der Medienakademie zeigte sich Thiller darüber besorgt. Sie sieht die Orientierungsfunktion des Journalismus in einer Demokratie durch solche sehr selektiven Filterkriterien gefährdet. Das Bedürfnis des Lesers nach maßgeschneiderten Nachrichten sei nicht nur aus journalistischer, sondern auch gesellschaftlicher Sicht bedauerlich, führt sie aus, weil Themen und Meinungspluralität somit eingeschränkt würden. „Ich persönlich finde es immer noch gut, von den Medien überrascht zu werden“, sagt Thiller. Ströbitzer geht noch ein Stück weiter und betont, dass Journalisten die Aufgabe haben, den Lesern zu erklären, warum unterschiedliche Inhalte für sie wichtig sind. Es gehe also auch darum, Interessen zu wecken, sagt er.

Skepsis im Umgang mit Daten

Ingrid Schneider betont, dass Daten zwar eine bedeutende Rolle zukommt, wir sie jedoch mit einer gesunden Skepsis behandeln sollten. Viele Menschen würden glauben, dass hinter Daten die Wahrheit stehe, sie seien jedoch nur ein Versuch von Menschen, die Realität in Zahlen abzubilden. Daten würden von Menschen produziert, daher seien sie nicht frei von Vorurteilen und Diskriminierung. Passend nennt sie als Beispiel, dass die Ungleichheit zwischen Mann und Frau auch in Daten gespiegelt wird. Für jobsuchende Frauen würden Stellungsausschreibungen für bestimmte CEO-Posten online nicht erscheinen, da der Computer die Suche an die soziodemographischen Informationen des Nutzers anpasse, führt sie aus. Er berücksichtigt also, dass in den letzten Jahren bestimmte Stellen nur von Männern bekleidet worden sind. ,,Wenn wir nicht darauf achten, werden wir bestimmte Ungleichheiten verstärken und nicht bekämpfen, „ appelliert Schneider.

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