«Es kann keine Gleichheit geben»

Der Autor Robert Menasse sieht in den nationalen Demokratien eines der größten Hindernisse für die Entwicklung Europas. Er plädiert für den Aufbau einer europäischen Republik.

Von Noah Mitchell Lutz

Der Autor des Bestsellers «Die Hauptstadt» braucht weder eine Vorstellung noch eine längere inhaltliche Anmoderation; am Mediengipfel in Lech begibt er sich rasant in einen informationsreichen und doch charmanten Monolog. Er verliert den Charme auch nicht, wenn er über weniger erfreuliche Themen berichtet: «Wir haben Verantwortliche und Staatchefs, die nicht (mehr) wissen was die Europäischen Ideen sind», so Menasse. Die Europäische Union, und damit auch die Idee einer Europäischen Republik, leide unter einem neuaufkommenden Nationalgeist. Niemand denke bei Wahlen an Zukunftsstrategien für die Union; nationale Lösungen werden zum Maßstab und Hauptkriterium für den Wahlerfolg von Politikern. Menasse spricht hierbei von einer Art nationalen Egoismus und meint, dieser sei «der Grund für alle Krisen, die wir haben».

Zu wenig Visionäre

Dieselben Politiker träfen zudem auf EU-parlamentarischer Ebene unproduktive und kurzsichtige Entscheidungen: Die allgemeine Strategie sei insofern keine Strategie, dass sie nur spontane Krisenbekämpfung und «Rettungen» zum Ziel habe. Niemand wage es, Visionen, Perspektiven oder längerfristige Verbesserungsvorschläge anzubieten. «Wenn die Politik in diesem verheerenden, schlafwandelnden Zustand ist, müssen die Künstler auf die Bühne treten – denn sie sind die Experten im Bereich der Visionen. Und wenn sie „nur“ eine Diskussion erreichen, dann wenigstens das».

Menasse fasst mit kritischem Ton die Ziele des nationalistischen Gedankenguts als ein Streben nach «gemeinsamen Identitäten mit gemeinsamen Kulturen» zusammen. Das Problem mit dieser Zielsetzung sei, dass keine Staaten einheitliche Kulturen beherbergten, sondern immer jeweils eine ganze Palette verschiedener Mentalitäten. Weiter meint er, dass genau diese Vielfalt von Sprachen, Perspektiven und Kulturen die Stärke der Europäischen Union darstellen. Als Mangel ortet der streitbare Autor hingegen, dass die europäischen Staaten zwar gemeinsame Märkte, eine gemeinsame Währung und das Prinzip der Personenfreizügigkeit teilten – nicht aber «Gleichheit vor dem Recht» für alle Bürger der Union.

Auch die Demokratie ist nicht fehlerfrei

Menasse behält sich vor, auch am demokratischen Status Quo Kritik auszuüben. Sein Anliegen liegt hierbei an den zahlreichen vorherrschenden nationalen Demokratien. Die sollen eingerissen und stattdessen durch ein europaweites System der politischen Partizipation ersetzt werden. Eine neue Idee ist das nicht, denn demokratische Regierungsformen sind vom Wandel der Zeit nicht ausgeschlossen: «Bereits das antike Griechenland kannte die Demokratie, doch die wünsche ich mir keineswegs zurück – denn damals war die Demokratie auf Sklaverei aufgebaut».

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