„Die Zukunft des Journalismus hängt nicht vom Papier ab“

Unterschiedlicher könnten die Medienmacher Kai Diekmann, Ex-„Bild“-Chef, und „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk wohl kaum sein. Beim 12. Mediengipfel in Lech trafen die beiden aufeinander und sprachen über den wachsenden Bedarf an gutem Journalismus, die Bedeutung der Digitalisierung für Printmedien und die Rolle von Social Media.

Von Noah Mitchell Lutz und Mirijam Haller

Verstanden sich prächtig: Kai Diekmann und Florian Klenk

Inwiefern bestimmen Politiker mit ihren Aussendungen über Social Media den öffentlichen Diskurs, und welche Rolle spielt dabei Journalismus?

Diekmann: Natürlich hat sich da was verändert. Social Media spielt nicht nur bei Politikern eine Rolle, sondern gibt jedem die Möglichkeit, sich direkt einem Publikum zu äußern. Sei es ein Massenpublikum – wie bei Donald Trump – oder ein Nischenpublikum. Das unterliegt aber nicht mehr unserer Kontrolle und der kritischen Nachfrage. Wir sind ein Stück weit nur noch Zaungäste, die das rekapitulieren.

75% der Berichterstattung von CNN ist beschränkt sich inzwischen auf Screenshots von Trumps Tweets. Das zeigt, welche Macht Social Media hat, wenn es darum geht, auch klassische Medienbrands dazu zu zwingen, Botschaften bestimmten Akteure zu übernehmen. Die Aufgabe des Journalisten ist, diese Selbstinszenierung zu überprüfen und für das Publikum in einen Kontext einzuordnen. Das größte Problem ist, dass zum Beispiel Trump mit polemischen Tweets von den eigentlich relevanten Themen ablenkt.

Klenk: Neben diesen negativen Aspekten sehe ich da aber auch etwas Positives: Viele Politiker, die früher nicht durchgedrungen sind, können sich auf einmal an ein öffentliches Publikum wenden -, und damit auch an Journalisten. Es wird so für Politiker möglich, sich gegen Zudringlichkeiten von Medien zu wehren, die tatsächlich unfair sind. Das macht unsere Berichterstattung auch besser, weil man als Journalist mehr aufpasst, was man schreibt.

Menschen könnten durch Social Media doch auch die Idee kommen, dass Journalismus obsolet wird. Immerhin kann ich meine Informationen nun direkt vom Präsidenten oder Bundeskanzler holen.

Diekmann: Woher weiß ich aber als Rezipient, ob Politiker das richtige sagen? Leser haben da ein sehr starkes Feingefühl. Im Übrigen steigen die Followerzahlen von CNN in gleichem Maße wie jene von Trump. Auch Medien profitieren von dieser neuen Art der Kommunikation.

Klenk: Die Menschen werden es lernen, auch wenn es neu ist. Leute haben früher gelernt, was Parteipresse ist und dass dies Propaganda ist. Die Leute haben das Bedürfnis zu hinterfragen. Ich glaube, die Sehnsucht nach Einordung und Orientierung ist stärker denn je.

Sie beide machen unterschiedliche Arten von Journalismus, welche wird Zukunft haben?

Diekmann: Ich glaube, dass jede Art von Journalismus ihr eigenes Publikum hat und völlig unterschiedliche Bedürfnisse bedient. Insofern glaube ich, dass jeder Journalismus, dem es gelingt, sein Publikum zu binden, zu begeistern, dann auch eine Berechtigung für die Zukunft hat. Aber: Ich muss eine „Reason for being“ haben.

Klenk:  Ich glaube, dass sich im Journalismus eine ähnliche Entwicklung ergeben wird wie in der Nahrungsmittelindustrie. Die Leute werden sich überlegen, was konsumieren wir, wie sind die Rahmenbedingungen und unter welchen Umständen wird produziert. Habe ich einen Lege-Batterie-Journalismus oder habe ich ein Bio-Landei? Will ich dafür bezahlen, oder krieg ich es nachgeschmissen? Wenn es uns gelingt, Slow Journalismus – also kuratierten Journalismus –  an die Leser zu bringen, dann ist schon etwas gewonnen.

Wie sieht es mit der Zukunft von Print aus?

Klenk: Der Unterschied besteht viel weniger zwischen Print und Online – sondern vielmehr zwischen zu bezahlenden und Gratis-Inhalten. Gerade in Zeiten, in denen wir große Umbrüche erleben und die Lebenszusammenhänge kompliziert werden, steigt das Bedürfnis nach Informationen.

Die Rolle der Journalisten wird sich ändern. Sie werden viel mehr erklären können müssen. Sie werden auch vor der Kamera erklären müssen. Sie müssen lernen, komplizierte Sachverhalte in wenige Sätze runterbrechen zu können, und zwar nicht nur in geschriebener, sondern auch in gesprochener Form. Das heißt nicht, dass der Journalist der Zukunft ein Trommeläffchen sein muss, das 100 Instrumente gleichzeitig bedient, aber er muss im Stande sein, das, was recherchiert wurde, in zwei Minuten auf den Punkt zu bringen. Ich bediene mich da gerne der Theatermetapher: Ich muss mein Publikum überraschen und provozieren. Ich will meine Leser verstören und ihnen mal was servieren, das sie nicht kennen und das sie blöd finden.

Diekmann: Ich halte die Frage nach der Zukunft von Print für irrelevant. Die Zukunft des Journalismus hängt nicht am Papier. Die Zukunft des Transports hat nicht am Wind gehangen – und das muss ich begreifen, wenn ich in dieser Industrie tätig bin.

 

 

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