Gönnen wir uns das Glück „Europa“

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, über Demokratieverachtung, politisches Phlegma und das historische Friedensprojekt EU

Mit dem flammenden Kampfruf eines begeisterten Europäers, universale Menschenrechte und Grundwerte hochzuhalten und das einzigartige europäische Friedensprojekt zu retten, hat Heribert Prantl den 12. Mediengipfel in Lech am Arlberg eröffnet. Sein Plädoyer: Es braucht nicht mehr und nicht weniger Europa, sondern ein besseres Europa.

Von Gudrun Brugger

Es ist die Sehnsucht nach Brüderlichkeit, nach Einigkeit und nach einer starken Rechtsgrundlage, die schon in den ersten Worten von Heribert Prantl mitschwingt. Das Zitat des Artikels 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht am Beginn der Analyse des leitenden Journalisten bei der Süddeutschen Zeitung zum Auftakt des 12. Mediengipfels in Lech am Arlberg:  Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Die Menschenrechtserklärung wird dieser Tage 70 Jahre alt – viel zu jung für eine Selbstverständlichkeit, die seit Bestehen der Menschheit Relevanz haben sollte.

Aggressiver Nationalismus als Gefahr für Europa

Die Antipolitik, wie Prantl die populistischen Tendenzen in Europa und der Welt nennt, spielt seiner Meinung nach nicht dem Gemeinwohl zu, sie bürgt nicht für Menschenwürde, nicht für Sicherheit, nicht für Solidarität. Prantl spricht von einer Entrechtungsbewegung, die das Friedensprojekt EU aushöhlt und angreift. Italien, Ungarn, Polen, Amerika – all jene Staaten, an deren politischer Spitze rechtspopulistische Parteien stehen, garantieren für ihn nicht mehr die Einhaltung von universalen Menschenrechten. Auch in Österreich sieht er diese Basis eines friedlichen Zusammenlebens gefährdet.

Der Grund für jenen aggressiven Nationalismus, der wieder wie eine Stichflamme auflodere und ungeniert um sich greife, sei auch in den Ängsten der Menschen zu finden, führt Prantl aus. Die Flüchtlingskrise verschärft viele Sorgen der Wohlstandsbürger, führt auch ihnen ihre „flüchtige Existenz“ vor Augen, wie Prantl es formuliert, und schafft dadurch den Nährboden für tiefschürfende Ängste und damit für Rechtspopulisten. Die Ausgrenzung von Flüchtlingen sei gleichzusetzen mit einer Ausgrenzung der eigenen Ängste. Und westliche Werte, die ursprünglich auch in christlichem Sinne Nächstenliebe und ein friedliches Miteinander prägen sollten, würden heute missbraucht zur Abgrenzung von anderen Kulturen.

Aktiv für ein starkes Europa

In seiner Analyse wehrt sich der Journalist dagegen, dass rechter Extremismus erduldet werden müsse wie verheerende Naturkatastrophen. Im Gegenteil, die Gefahr lauere genau in diesem Phlegma, das uns zur Untätigkeit verleiten möchte. Es gilt laut dem glühenden Europäer Heribert Prantl jeden gegenwärtigen Moment zur Veränderung zu nutzen, für ein besseres, für ein starkes Europa, für das einzigartige Friedensprojekt der Europäischen Union. Denn Europa sei mehr als die Summe seiner Fehler. Das Europa, das aus der EU werden kann, so Prantl, sei der letzte Sinn einer unendlich verworrenen europäischen Geschichte. Denn „EU“ sei das Kürzel für das goldene Zeitalter der europäischen Historie.

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