„Algorithmen sind Brandbeschleuniger“

Die Journalisten Thomas Schulz und Richard Gutjahr über die „Diktatur der Daten“ und ihre Auswirkungen auf die Demokratie

Daten sind die Zukunft – das ist für Thomas Schulz und Richard Gutjahr klar. Neben vielen Chancen bergen diese aber auch jede Menge Risiken. Die beiden Journalisten sprachen zum Abschluss des ersten Tages des 12. Mediengipfels über die digitalen Herausforderungen für Demokratien.

Von Theresa Puchegger und Noah Mitchell Lutz

Von einer „Diktatur der Daten“ wollen sie noch nicht sprechen – aber die Herausforderungen und Gefahren, die Social Media-Plattformen und große Medienunternehmen für die Demokratie mit sich bringen, seien nicht zu unterschätzen. Darin waren sich Thomas Schulz, Bestsellerautor und Spiegel-Korrespondent im Silicon Valley, und Richard Gutjahr, Blogger und Mitarbeiter in der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens, bei ihrem Gespräch am Ende des ersten Tages des 12. Mediengipfels in Lech einig.

In sozialen Netzwerken wie Facebook und Youtube seien vor allem Algorithmen verheerend, meinte Gutjahr. „Sie erzeugen eine Sogwirkung. Opfer von Hetzkampagnen sprechen hier von einem Brandbeschleuniger“, sagte er. Vorhandene Strömungen würden dadurch vergrößert, dass die Plattformen den Nutzern immer wieder Inhalte aus dem selben Blickwinkel vorschlagen. Wer einmal ein Video über Verschwörungstheorien angeklickt habe, bekomme noch Wochen später ähnliche Inhalte vorgeschlagen. „Es gibt jetzt mehr Leute, die glauben, dass die Erde flach ist, als vor dem Internet“, betonte Gutjahr.

Dieser Effekt sei für Demokratien durchaus gefährlich und müsse Google, Facebook und Co. auch angekreidet werden. „Facebook hat nie gesehen, dass es so eine Größe und Macht hat. Auch die Fake News-Entwicklung haben sie nicht auf dem Radar gehabt“, diagnostizierte Schulz. Man habe die Themen zu spät erkannt und sei nun damit überfordert – nicht nur bei den Unternehmen selbst, sondern auch in Europa, wo man nicht rechtzeitig Gegenmodelle geschaffen habe.

Ein weiteres Problem ist laut Schulz auch, dass Facebook und Co. den unternehmerischen Anspruch hätten, „neutral“ zu sein. „Das führt dazu, dass bei Facebook die Seite von den New York Times genauso aussieht wie eine Fake News-Seite.“ Was dabei fehle, so Gutjahr, sei der „moralische und ethische Unterbau“.

„Wir alle sind Teil des Problems“

Der Großteil der Probleme rund um Daten hat laut Gutjahr aber gar nicht so viel mit dem Silicon Valley oder Hasspostern zu tun, sondern mit „uns allen“. „Wir alle sind Teil des Problems. Auch Zuckerberg und Co. würden darauf reagieren, wenn die Leute sagen würden, da machen wir nicht mit“, sagte Gutjahr.

Aus der Zukunft werden Daten laut Schulz und Gutjahr jedenfalls nicht mehr wegzudenken sein. „Sie sind die Grundlage für alles, was wir in den nächsten 20 Jahren sehen werden“, betonte Schulz. Die Geschwindigkeit des Fortschritts habe sich enorm gesteigert. Entwicklungen würden mittlerweile nicht mehr 30, sondern nur noch fünf bis zehn Jahre dauern. Ein wesentliches Thema der Zukunft wird in Hinblick auf die Daten auch China sein. Der Staat sei im Begriff, die nächste Weltmacht im Netz zu werden. „Mit diesem Problem werden wir uns auch noch auseinandersetzen müssen“, meinte Schulz.

Gutjahrs abschließende Prognose war schließlich optimistisch und pessimistisch zugleich. „Wir befinden uns gerade in einer Zwischenphase. Ich glaube, dass die Technik die Welt besser machen wird. Bis dahin werden die nächsten fünf bis zehn Jahre aber noch düsterer und dunkler.“

 

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