„Ich glaube an die Stärke der jungen Menschen“

Wir haben mit Seyran Ates über die Unordnung der Religion, den liberalen Islam und den Rechtsruck in Europa gesprochen.

Von Isabella Scholda und Mirijam Haller

Seyran Ates ist rund um die Uhr von Personenschützern umgeben. Die vier breitschultrigen Männer lassen sie nicht aus den Augen. Dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, wirkt die bekennende Muslimin mit grauem Kurzhaarschnitt beim Interview vollkommen entspannt und behandelt ihre Bodyguards wie gute Freunde. „Sie sagen, ich bin wie eine Mutti“, erklärt sie, als sie für ihr Team etwas zu Essen bestellt.

Frau Ates, bringt Religion in der Welt Ordnung oder Unordnung?

Seyran Ates: Wenn Religion friedlich, barmherzig und von der liebenswerten Seite gelebt wird, nämlich mit viel Liebe, dann kann das Ordnung bringen. Viele Milliarden Menschen leben das auch tatsächlich so. Selbstverständlich gibt es auch Unruhe durch Religion oder Weltanschauungen.

Dann nämlich, wenn sie politisch ideologisiert, institutionalisiert und dadurch instrumentalisiert werden. Die Institutionalisierung bringt leider Gottes in die Religion immer etwas Politisches: Hierarchie, Strukturen und vor allem eine gewisse Dominanz. Dominanz von Stärke, Dominanz von Macht.

Dann gibt es selbstverständlich noch die gewalttätige Seite der Religion. Wenn Menschen so ideologisiert sind, dass sie der Ansicht sind, dass nur ihre Religion die wahre und richtige ist, mit Scheuklappen verblendet durch die Welt gehen und auch bereit sind dafür zu töten, wenn andere Menschen ihre Ansicht nicht vertreten oder akzeptieren.

Insofern kann Ihre Frage also nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Es kommt auf die Blickrichtung an, beides ist möglich. Derzeit sehen wir leider auf der ganzen Welt viele religiös motivierte Auseinandersetzungen.

 

Sie haben in Berlin eine liberale Moschee gegründet. Warum? Ich bin absolut der Überzeugung, dass sich der liberale Islam nicht nur in Europa in einer europäischen Form, sondern auch in der ganzen Welt etablieren wird. Wir haben festgestellt, dass es viele verschiedene Auslegungen des Islams gibt. Daher bin ich der absoluten Überzeugung, dass der Islam beweglich ist. Es ist eine liberale, eine zeitgemäß kritische Lesart möglich, die dann wiederum dazu führt, dass es nicht nur einen liberalen europäischen Islam gibt, sondern dass auch weltweit ein Islam vorstellbar ist, der sich der Moderne anpasst.

Die islamische Welt, wie wir sie heute sehen – von Marokko bis Indonesien, die Türkei, Afghanistan, Pakistan eingeschlossen – ist geprägt von einer Rückständigkeit und teilweise auch einer Rückentwicklung. Weg von den sogenannten westlichen Werten, weg von der Zivilgesellschaft, weg vom Rechtsstaat. Das bereitet vielen jungen Menschen Sorge. Ich glaube an die Stärke der jungen Menschen, die zeitgemäß leben wollen. Und ich glaube daran, dass diese jungen Menschen etwas verändern werden.

Wie beurteilen Sie denn den Rechtsruck in Deutschland oder in Österreich?

Es ist sehr traurig, dass es einen gewissen Rechtsruck gibt, der nicht nur konservativ ist, womit wir ja leben könnten, eine Demokratie hält das aus. Sondern dass in diesen rechten Parteien auch noch ein ganz rechts Außen vorhanden ist. Das sind, wenn man so sagen will, die Nazis, die innerhalb dieser Rechtsaussenparteien versuchen, Einfluss zu nehmen. Das sollte uns auf jeden Fall erschrecken, denn das, womit diese Menschen am meisten arbeiten, ist Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit.

Wie haben Sie als Frauenrechtlerin die „MeToo“-Kampagne wahrgenommen?

Ich finde das sehr gut und sehr positiv. Gleichzeit sage ich als Frauenrechtlerin, die seit Anfang der Achtzigerjahre aktiv ist, wie traurig es ist, dass wir 2017 immer noch unsere Blicke auf dieses Problem lenken müssen, und dann auch noch mit solch einer Aktion. Wir wissen das eigentlich schon so lange und dennoch braucht es diese Hingucker. Das ist sehr-sehr traurig. Selbstverständlich sind nicht nur muslimische oder südamerikanische Männer Machos. Weil ja gerne auch auf die Südländer geschaut wird und die nordischen Männer so ein Label mitbekommen haben, dass sie das nicht mehr machen. Selbstverständlich passiert das auch da. Vielleicht weniger, vielleicht in einer anderen Form. Die Frauen sind da auch noch eher aufgeklärter, so dass sie sich bestimmten Situationen nicht mehr aussetzen. Das kann ich auf jeden Fall aus meiner Arbeit bestätigen. Nichtsdestotrotz existiert diese Form der Frauenverachtung in einem so großen Ausmaß, dass ich selber traurig bin, aber mich gleichzeitig freue, dass Frauen es wagen, dies öffentlich anzuprangern. Ich hoffe, dass die jungen Frauen, die ja teilweise den Feminismus gar nicht mehr so wichtig finden, hoffentlich nochmal genauer hingucken.

 

 

 

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