Mut ist gefordert

„Potenziale einer neuen Risikogesellschaft“ lautet das Thema am diesjährigen Mediengipfel in Lech. Die Experten sprechen von Risiken, aber kaum von Chancen.

von Pascale Senn

Unsere Gesellschaft ist im Zwiespalt. Auf der einen Seite steht die hybride Kommunikation und die ausgeprägte digitale Vernetzung: Wir öffnen und vernetzen uns, gehen leichtfertig mit persönlichen Daten um. Egal ob Kommunikation, Fortbewegung oder Fortschritt: Die Gesellschaft ruft förmlich nach einfacher, schneller, weiter. Wir öffnen Grenzen und überwinden Hindernisse. Aber gleichzeitig erschaffen wir auch neue. Gerade in der westlichen Hemisphäre kam in den letzten Jahren ein Trend der Thematik der „Abschottung“ auf, um Erfolg zu erzielen. Wir beginnen uns abzugrenzen, errichten Zäune, bauen Mauern und schaffen neue Grenzen.

Von Umbruch und Freiheit

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, der Veränderung. Kritik an der Regierung und der Demokratie werden von verschiedenen Seiten laut. Verschiedene Gesellschaften fordern Veränderungen: Grossbritannien hat beschlossen, aus der EU auszutreten. Amerika hat sich für Trump und seine Versprechungen der Schaffung von mehr Arbeitsplätzen und neue Einreisebestimmungen ausgesprochen. Und auch Österreich steht an diesem Wochenende vor einer Entscheidung, die grosse Veränderungen mit sich bringen wird – auf die eine oder andere Seite.

„Ja, wir leben in einer Umbruchszeit“, sagt auch der ehemalige tschechische Aussenminister Karel Schwarzenberg am Mediengipfel in Lech, der in diesem Jahr zum 10. veranstaltet wird. „Aber machen wir uns nichts vor: Wir sind selber Schuld daran.“ Er spricht die schier unbegrenzten Möglichkeiten der heutigen Gesellschaft an. Freiheit sei zur Selbstverständlichkeit geworden: „Die jetzige Generation hat nicht mehr erlebt, wie wichtig der Wandel zur Freiheit war. Sie ist damit aufgewachsen und hat Freiheit immer als selbstverständlich erlebt.“

Schwarzenberg ist zuzustimmen: Ein offenes Europa im Sinne einer offenen Gesellschaft ist erst nach dem Zweiten Weltkrieg möglich geworden. Er mahnt denn auch, dass Freiheit und damit verbunden auch Demokratie nicht selbstverständlich sind: „Strom kommt auch nicht aus der Steckdose.“

Von Verständnis und Initiative

Über eines sind sich die Vortragenden und Diskutierenden in Lech einig: Das Problem der EU ist, dass ein gemeinsames europäisches Verständnis fehlt. Zweck und Identität der Union sind nicht geklärt. Die Innenpolitik der einzelnen Länder wird gegen Europapolitik ausgespielt, obwohl Europapolitik für die Mitgliedsstaaten auch Innenpolitik ist – so argumentiert beispielsweise der Europaparlamentarier Othmar Karas.

Ist es nicht so, dass Probleme einfach weitergeschoben werden, obwohl sie auch nach der Landesgrenze noch eine Herausforderung für Europa sind? Und bräuchte es nicht einen Grenzschutz Europas anstelle des Schutzes der einzelnen Grenzen?

Der deutsche Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer ist der Überzeugung, dass wir zu der Erkenntnis zurückfinden müssen, die Themen in der Gesellschaft selbst zu setzen; und uns nicht von einem „obskuren Rand“ der Gesellschaft leiten lassen dürfen. Wir sollen uns an den stillen 80 Prozent der Gesellschaft orientieren, nicht an der lauten und auffälligen Minderheit. Er sieht eine Ursache der Kritik an der Gesellschaft darin, dass die vielen positiven Errungenschaften von modernen Gesellschaften kaum erwähnt werden.

„Mehr Mut“ fordert auch Schwarzenberg zum Schluss der Diskussion. Es brauche ein klares „Nein“ zu den grossmäuligen Politikern: „Wie wir wissen, sind auch die gefährlich, die Verantwortung scheuen.“ Und doch: Die Diskussion dreht sich im Kreis, die Diskutierenden stehen im Zwiespalt: Das Schlagwort Zukunft wird stets mit Risiko in Verbindung gebracht. Kaum einer in Lech spricht von Möglichkeiten und Chancen in der Zukunft. Obwohl gerade diese Schlagwörter laut verschiedenen Experten wichtig wären. Die verbleibende Frage lautet: Hat der Mut gefehlt?

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