„Wer gut ist, setzt sich durch“

Alexandra Föderl-Schmid ist seit sechs Jahren Chefredakteurin des „Standard“. Im Interview mit Katrin Nussmayr verrät sie ihre Prognose zur Zukunft der Tageszeitung, spricht über die Berufsaussichten von Jungjournalistinnen und den besten Job der Welt.

Sie haben in Interviews immer wieder wehmütig auf Ihre Zeit als Auslandskorrespondentin zurückgeblickt. Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, Ihren Posten als Chefredakteurin zurückzulegen und nach Südamerika zu gehen?

Alexandra Föderl-SchmidJa. Ja, absolut. Es war ja nicht so, dass ich unbedingt Chefredakteurin werden wollte. Ich bin gefragt worden, ich habe lange gezögert, ob ich das überhaupt annehmen soll, und ich werde sicher nicht einer der älteren Herren, die nicht loslassen können, von denen es in der Branche viele gibt. Für mich ist das absolut eine Option. Und mein Traum ist noch immer, Südamerika-Korrespondentin zu werden. Wann, weiß ich noch nicht. Im Moment habe ich noch eine Aufgabe vor mir, nämlich die Zusammenführung von Print und Online. Das bedarf sicher noch längerer Zeit.

„Der Standard“ feierte heuer sein 25-jähriges Bestehen. Wird es ein 50. Jubiläum geben?

Ja, davon gehe ich aus.

Auch im Print, als Tageszeitung?

Ja, davon gehe ich aus.

Diese Prognose ist doch unüblich in der Branche.

Man muss dem Krisengerede der Branche die Realität entgegenhalten. Die Fakten sind, dass in Österreich nach wie vor 73 Prozent eine Zeitung lesen. Das ist – auch international – ein hoher Prozentsatz. Er ist in den vergangenen Jahren zweimal sogar angestiegen, also nicht zurückgegangen. Wir haben nach wie vor sehr hohe Aboraten. Wenn man Ende zwanzig, Anfang dreißig ist, sein Studium fertig hat, in den Beruf eintritt, eine Familie gründet, dann ändert man oft auch sein Medienkonsumverhalten. Und eine Tageszeitung gibt halt einen schnellen Überblick, ist sehr strukturiert, hierarchisiert, und gibt eine Einschätzung. Auf derstandard.at wechseln wir sehr oft unsere Aufmacher. Bei der Zeitung muss man sich viel klarer überlegen, welche Nachricht jetzt wirklich die wichtigste ist, die auch den nächsten Tag übersteht. Und ich glaube, beides hat seine Berechtigung. Ich glaube, dass Tageszeitung eine Zukunft hat.

Die Aussichten für jetzige Jungjournalisten sind nicht gerade rosig. Würden Sie heute wieder Journalistin werden wollen?

Ja. Ich habe schon im Volksschulalter gewusst, dass ich Journalistin werden will, aber ich kann mich genauso an die Diskussionen zuhause erinnern. Die Freunde meiner Eltern haben gesagt „Seid ihr verrückt, ihr lasst eure Tochter Publizistik studieren? Das ist brotlos!“. Ich war 17, als der „Standard“ gegründet wurde, ich wollte zu der Zeitung. Mit 19 habe ich begonnen und bin noch immer da. Das Krisengerede gab es damals schon, und ich finde, wer gut ist, für den ergeben sich immer wieder Chancen. Wer gut ist, setzt sich durch. Und wer es will, sowieso. Da habe ich keine Zweifel. Und es ist sicher der beste Job der Welt.

Sie sagen, dass die guten Journalisten einen Platz finden. Aber ist nicht die Frage, ob ein junger Journalist auch von dem Job leben kann?

Die Frage ist absolut berechtigt – vor allem auf den Print- und Onlinebereich bezogen. Ich finde schon, dass mit dem Kollektivvertrag ein großer Schritt gelungen ist. Dass für Print- und Onlinejournalisten die gleichen Bedingungen herrschen. Und auch für Freie ist es tendenziell besser, seit es den Kollektivvertrag gibt.

Hat der Kollektivvertrag die Einstiegschancen für junge Journalisten nicht erschwert?

Für die nächsten Monate, Jahre, sicher. Weil man darauf geschaut hat, junge Kollegen anzustellen, die auch lange genug darauf gewartet haben. Aber es ergibt sich immer wieder etwas.

Können Sie sich an Ihren ersten „Standard“-Artikel erinnern?

Das war 1990, und über die Eröffnung des ersten Fußgängerübergangs zwischen Oberösterreich und – damals noch – der Tschechoslowakei. Das war der erste Schritt, zueinander zu finden. Dazu muss man sagen: Ich bin sechs Kilometer vom eisernen Vorhang entfernt aufgewachsen, mitten im Dreiländereck. Mit zwei Währungen aufgewachsen, denn wir sind natürlich nach Bayern einkaufen gefahren. Andererseits haben wir die Schüsse aus der Tschechoslowakei gehört, wo die Leute versucht haben, zu fliehen. Das hat mich sehr geprägt. Und deshalb finde ich es faszinierend, wie sich Europa entwickelt hat: dass man heute auch ohne andere Währung in die Nachbarländer fahren kann, und ohne Pass. Das versuche ich im „Standard“ deutlich zu machen, dieses neue Europa. Ich finde es einfach toll, welche Möglichkeiten man hat. Ich bin aufgewachsen in einer Zeit, in der man nicht mit Erasmus woanders studieren konnte. Und ich hätte gerne die Möglichkeiten gehabt. Es ist heute nicht alles schlecht. Wir reden immer über die Krise, über die negativen Seiten, aber zu wenig über die positiven.

Sie waren die erste weibliche Chefredakteurin in Österreich. Bedeutet ihnen dieser Titel etwas?

Nein. Ich war erstaunt, dass dieses Faktum 2007, als ich die Position eingenommen habe, so eine Rolle gespielt hat. Da war eine „Eilt“-Meldung in der APA („Erste Frau an der Spitze einer Tageszeitung“), es gab Portraits über mich, „Die Presse“ titelte zum Beispiel „Emsig und gut vernetzt“. „Emsig“ ist ein Wort, dass man NUR für Frauen nimmt, kein Mann ist „emsig“. Den „Falter“ fand ich total beleidigend: „Die typische Rot-Grüne Genderlösung“. Das Faktum, dass ich Frau bin, war im Mittelpunkt. Nicht, dass ich schon 20 Jahre beim Standard war, dass ich viele Jahre im Ausland war, dass ich zwei Studien abgeschlossen und einen MBA begonnen habe – das hat alles keine Rolle gespielt. Die erste Frage beim ersten Interview nach meiner Bestellung war: „Wie sind Sie das als Frau geworden?“ Und ich habe geantwortet: „Bitte fragen Sie den Michael Fleischhacker, wie er das als Mann geworden ist“. Beim „Standard“ selbst hat das keine Rolle gespielt. Oscar Bronner ist nach dieser Medienberichterstattung auf mich zugekommen und hat gesagt: „Hoffentlich glauben Sie nicht, ich habe Sie genommen, weil Sie eine Frau sind“. Mittlerweile gehe ich ein bisschen entspannter damit um, weil ich weiß, dass es vielleicht auch für viele Leute eine Vorbildfunktion hat. Wir haben jetzt 50 Prozent Frauen in Führungspositionen, ohne Quote. Ich glaube, das ist europaweit ziemlich einzigartig. Wir haben auch Frauen, die nur teilzeitbeschäftigt sind und trotzdem Führungsverantwortung haben. Und wir haben fast zu jeder Zeit mehr Männer in Karenz als Frauen. Da hat sich beim „Standard“ schon eine gewisse Kultur entwickelt.

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