“Journalismus hat seinen Preis”

Markus Spillmann, Chefredakteur der NZZ, glaubt nicht an eine Krise des Journalismus. In einer Diskussion über neue Geschäftsmodelle im Qualitätsjournalismus vertrat er im Rahmen des Mediengipfels in Lech einen klaren Standpunkt: In Qualität muss man investieren. Ein Interview von Sonja Radkohl und Katrin Nussmayr.

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Bei der heutigen Podiumsdiskussion sagten Sie: “Man kann mit Journalismus noch Geld verdienen”. Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass wertiger Journalismus nur gedruckt existieren kann. Die neue Denkweise lautet: Wir stellen guten Inhalt her und verbreiten ihn über alle Kanäle und lassen den Kunden entscheiden, welchen Kanal er beziehen will.

„Printqualität im Onlinebereich“ – das war Ihre Forderung, als Sie bei der NZZ Print und Online zusammengelegt haben. Geht die Strategie auf? Wollen die Leser das?

Ich hatte vor der Zusammenlegung 80 Prozent Printjournalisten und 20 Prozent Onliner. Dann führt man die zusammen. Wir wollen denn 200 Jahre alten Print-Standard der NZZ auf Online übertragen. Die andere Frage ist: Honoriert das der Kunde? Natürlich tut er das. Wir müssen wegkommen von dieser arroganten Sicht, dass der Kunde online nur Schrott will. Das Schöne im Online-Bereich ist die Unendlichkeit, die Nische, die Boutique, also man hat unglaublich viel mehr Möglichkeiten. Wir müssen uns lösen von „Print ist King“ und „Online kann gar nie soweit kommen“. Natürlich muss die Darbietungsform kanalgerechter oder kundengerecht werden. Ich kann nicht das Narrativ von Print auf Online übertragen, brauche andere Erzählformen und Dramaturgien. Der Kern ist aber gleich: Guter Journalismus.

Was halten Sie von Formaten wie „Snowfall“?

Das haben wir für das Fukushima-Thema mit einer großen, textbasierten Reportage adaptiert. Dank der Visualisierung der New York Times ist ein wunderschönes Erzählstück daraus geworden.

Datenjournalismus?

Da kümmern sich bei uns zwei Kolleginnen drum. Ich finde gerade den Umgang mit Daten und die Visualisierbarkeit im Digitalen sehr wichtig.

Social Media?

Social Media ist enorm wichtig. Mit den Konsumenten zu interagieren und von deren Wissen zu profitieren ist Teil eines weiterentwickelten Journalismus.

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Haben Sie eine Vision, wie sich die NZZ in zehn, zwanzig Jahren finanzieren wird?

Zehn Jahre sind eine wahnsinnig lange Zeit. Meine Vorstellung ist ein Journalismus, der qualitativ bleibt, aber kundennäher ist, als der heutige.

Aber wer bezahlt das?

Einerseits der Kunde, andererseits der Werbetreibende – ich glaube, dieses Modell per se wird nicht einfach verschwinden. Zusätzlich wird es natürlich neue Geschäftsmodelle geben – das können Services sein, das können aber auch neue unternehmerische Zweige sein, die dann mit der Publizistik vielleicht nicht mehr direkt zusammenhängen, aber von der Qualitätsorientierung zu uns passen. Bildung, Gesundheit, Wirtschaft – das sind Themen, wo man auch mit neuen Services, mit Beratungsleistungen, mit Onlineplattformen, mit Events, etc. tätig sein und dort Geld verdienen kann. Was wir nicht tun werden, nach meinem Dafürhalten, ist Hundefutter zu verkaufen. Das passt nicht zur NZZ.

Services, Dienstleistungen und andere Plattformen, an denen die NZZ beteiligt ist, gibt es ja bereits. Es gibt einen Buchverlag, Management-Konferenzen und sogar eine Internet-Abnehmplattform. Muss Journalismus quersubventioniert werden, um zu überleben?

Unsere betriebswirtschaftliche Devise ist, dass Journalismus sich selbst refinanzieren muss.

Kann die NZZ als Zeitung alleine überleben?

Ja. Wir sind immer noch profitabel. Die Frage ist, wie lange noch. Wir brauchen Professionalität auf allen Ebenen, sowohl bei der Inhaltserstellung wie auch auf der Vertriebsebene und bei der Technologie, damit es wieder rentabler wird.

Ist die Qualität nicht gut genug, dass die Inhalte entsprechend bezahlt werden?

Nein, das habe ich so nicht gesagt. Die Qualität hinsichtlich der Inhalte – da sind wir auf gutem Wege. Die Qualität hinsichtlich der Nutzergerechtigkeit, des Narrativen, der Aufbereitung, der Device-Gerechtigkeit – da haben wir noch gewaltig viel vor uns.

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„Kompetenz, Relevanz, Originalität, Exklusivität, Schnelligkeit und Variabilität bei hoher Qualität” – das haben Sie einmal als Rezept für funktionierenden Journalismus genannt. Aber wie soll das gehen, wenn überall gekürzt werden muss?

Wir müssen mehr investieren. Es werden nur die Unternehmen überleben, die das können.

Aber wie? Sollte man, anstatt zu kürzen, mehr Geld in den Journalismus stecken?

Ja. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: “Die Zeit” wächst sowohl im Print wie auch Online. Sie hat vor etwa zehn Jahren sehr bewusst entschieden: Wir investieren in die Marke. Wir investieren ins Personal. Wir kürzen nicht, sondern wir bauen auf. Und sie sind tief gefallen eine Weile lang, und heute können sie sagen: Hey, wir schaffen’s. Das hat sich gelohnt. Ich sage nicht, dass mehr Mittel automatisch bessere Ergebnisse produzieren, aber es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten mit immer weniger Mitteln immer mehr leisten. Das wird nicht funktionieren. Journalismus hat seinen Preis. Daher investieren wir ins digitale Geschäft.

Wie viele Stellen sind bei der NZZ gerade frei?

Ja…. Ich gebe da keine Zahlen bekannt, aber wir rekrutieren immer wieder neue Leute. Wir brauchen mehr Newsroom-Skills, wir brauchen mehr Allroundskills. Wir investieren in diesem Bereich.

Also gibt es durchaus auch Perspektiven für junge Journalisten.

Absolut. Grundsätzlich gibt es für junge, mutige, initiative, kluge Leute immer Perspektiven. Im Journalismus genauso wie beim Metzgerberuf, das spielt keine Rolle.

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3 Gedanken zu ““Journalismus hat seinen Preis”

  1. Wenn wir wieder Journalismus, statt Attrapenjournalismus und statt „PR“ -die nichts mit Journalismus zu tun hat, wenn wir wieder uns darauf besinnen, dass Lobbyismus zu bekämpfen ist, und nicht dazu da, Schreiberlinge noch weiter einzukaufen, bis nichts mehr übrig ist – außer dem gegelten Haar – wenn wir uns auf Journalismus besinnen- statt Trash und Tratsch und unter-den-Rock-gucken von Dritt-oder-was-immer-Class – „people“ – kurz, wenn wir endlich wieder politisch werden, aufdecken, kritisch die Mächtigen unter die Lupe nehmen, statt des langweiligen Verlautbarungs-Dingens durch langweilige öde Presse-Sprecher – können wir den Journalismus und unser Einkommen …retten. Vor allem aber unser Standing!

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