Die Moral von der Kriseng’schicht

Experimentalökonom Matthias Sutter hielt am Donnerstagabend die Eröffnungsrede beim 7. Mediengipfel in Lech am Arlberg. Im Mittelpunkt seines Beitrags stand das Verhältnis zwischen Markt und Moral. Für ihn führt der Weg zu mehr gesellschaftlicher Solidarität geradewegs über finanzielle Anreize.

Der Mensch ist ein Homo Oeconomicus. Wohl niemand kann diese in den Wirtschaftswissenschaften noch immer recht gängige Annahme besser widerlegen als Matthias Sutter. Der Mann hat in seiner Forscherkarriere so viele praktische Studien zum menschlichen Verhalten erarbeitet wie wenige sonst. Im Handelsblatt-Ranking rangiert er in den Top-Ten der forschungsstärksten Volkswirte. Und er ist nicht etwa ein verschrobener Professor aus dem Elfenbeinturm, sondern hält erfrischende Vorträge über das, was er macht. Beste Voraussetzungen, um die Eröffnungsrede des diesjährigen Mediengipfels in Lech zu halten.

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Fotoquelle: Florian Lechner

 

„Menschliches Maß – zwischen Markt & Moral, Selbstnutz & Solidarität“ betitelt er seinen Beitrag. Und spricht darin nicht nur über Ursachen der vieldimensionalen Wirtschaftskrise, sondern über Grundsätzlicheres. Was treibt uns an, was definiert unser Handeln? Und sind Begriffe wie „Moral“ in einer konkurrenzorientierten Marktwirtschaft überhaupt noch zu gebrauchen?

 

Sutter antwortet darauf mit einem eindeutigen Ja. Anhand von einfachen, alltäglichen Beispielen enthüllt er den nur scheinbaren Widerspruch zwischen Markt und Moral. Und geht noch einen Schritt weiter: Gerade in von der Marktlogik geschaffenen Anreizen ortet er erhebliches Potential für moralisches Handeln. Einen ideologischen Gegenentwurf zum Ego-Kapitalismus will er nicht herbeitheoretisieren. Sutter ist vielmehr ein Handwerker, seine Profession die Beobachtung.

Dabei sieht er natürlich auch die negativen Seiten: „Dass Märkte im Normalfall negative Begleiterscheinungen hervorrufen, muss uns bewusst sein. Die Conclusio kann aber nicht sein, Märkte abschaffen zu wollen.“ Es gebe verschiedene Wege, moralisches Handeln innerhalb des Marktes zu fördern. Viele davon seien jedoch zum Scheitern verurteilt. „Was sich in unseren Experimenten oft als treffsicherstes Instrument erwiesen hat, sind finanzielle Anreize. Es kommt aber immer aufs Beispiel an.“ Und von denen wimmelt es nur so in seinem Schaffen.

Aufgegriffen werden Sutters Thesen dann auch beim anschließenden Podium, geleitet von Michael Fleischhacker. „Diejenigen, die die Moral auf dem Markt zu einem Produkt machen, sind das nicht die Allerschlimmsten?“, lautet dessen Einstiegsfrage an die Unternehmerrunde. „Es gibt keinen Erfolg ohne Menschlichkeit“, lässt aber SONNENTOR-Gründer und -Chef Johannes Gutmann einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Kapitalismus und Moral nicht gelten. Für alternative Geschäftsmodelle, die er auch mit seinem Bio-Kräuterhandel verfolge, interessiert sich seiner Auffassung nach auch die Jugend.

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Fotoquelle: Florian Lechner

 

Jugend ist auch ein wichtiges Stichwort für Glorify-Gründer Christoph Egger. Auch wenn sein Produkt ein jugendliches Image vor sich her trage, die tatsächliche Kundschaft sei eine ganz andere. „Marketing hat wenig mit wirklichen Bedürfnissen zu tun“, meint der Werbeexperte durchaus offen.

 

 

„Unsere Herangehensweise ist da humaner“, behauptet dann DaWanda-Gründerin Claudia Helming. Ihre Plattform für Künstler, Kunsthandwerker, Designer und alle anderen Selbermacher sei aus einem sozialen Gedanken entstanden und habe mittlerweile fast drei Millionen Mitglieder. Ohne Kapital lasse sich aber auch die gemeinsinnigste Idee nicht verwirklichen, sagt Helming. Und fasst damit den Konsens des Abends zusammen, dass sich der Widerspruch zwischen Markt und Moral zu verflüchtigen scheint.

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