Den Hass im Internet aussitzen

Die Schweizer Soziologin Katja Rost rät im Umgang mit Trollen im Netz dazu, beleidigende Postings einfach zu ignorieren.

Von Theresa Kirchmair

Lech – Dem Hass, der sich in Internetforen und den sozialen Medien manifestiert, widmete sich gestern eine Diskussionsrunde beim Mediengipfel. Dabei zeigte sich, dass auch unter Experten große Uneinigkeit über den Umgang mit beleidigenden Postings herrscht.

Nicht alle sozialen Medien kämpfen gleichermaßen mit teils sogar strafbaren Aussagen ihrer Nutzer. Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, erklärt, dass es in öffentlich-privaten Foren wie Facebook deutlich mehr Hasspostings gebe als im eher beruflich genutzten Twitter. „Auch Plattformen mit nur einem Thema, zum Beispiel zum Tierschutz oder der Korruption eines Politikers, sind sehr anfällig.“ Im Vergleich zwischen den Plattformen geben das Thema und die Zugänglichkeit des Mediums den Ton vor. Auch das Bildungsniveau macht einen großen Unterschied: „Auf Kanälen, in denen die Gesamtbevölkerung und nicht nur die intellektuelle Elite vertreten sind, herrscht ein deutlich schärferer Ton. Die meisten Hasskommentare haben wir beim Thema Tierschutz gefunden.“

Die Soziologin selbst entzieht sich Facebook vollkommen, um dem dort verbreiteten Hass zu entgehen. Dennoch ist Facebook ein wichtiger Forschungsgegenstand-die Wissenschafterin sieht darin keinen Widerspruch. In ihrem Beitrag zur Diskussionsrunde riet sie, Hasspostings keine Beachtung zu schenken. Sie meinte außerdem, dass sie keine Freundin der Gegenrede sei, denn diese sei zeitaufwändig und stachle aggressive Poster oft noch weiter an. Sie sieht die Möglichkeit, dass auch beleidigende Postings als Teil eines Diskurses etwas beitragen können – alles andere wäre ein elitärer Ansatz. Es wäre einfach nur eine andere Art von Diskurs, wenn auch ein sehr verrohter. Die Forschung versuche, die Funktionalität von Hasspostings zu sehen. So würden diese schon von einem gewissen Interesse an Politik zeugen. Zudem ist Rost der Meinung, dass man die Stimmung nicht überdramatisieren sollte – das sei nun mal die Auswirkung der neuen Technologie. Diese würde die Grundlagen unseres Zusammenlebens auch nicht verändern. Gleichzeitig aber sagte sie, dass sich die sozialen Normen grundlegend geändert hätten, so seien Eindrücke aus dem Privatleben von Politikern früher nicht denkbar gewesen.

(Tiroler Tageszeitung vom 3. Dezember 2016, Seite 16)

Gesellschaft und Politiker in Geiselhaft

Soziologe Welzer appelliert an Medien und Politik, sich nicht länger am lauten Fünftel der Unzufriedenen zu orientieren.

Von Manuel Matt

Lech – Rufe nach mehr Polizei und Überwachung seien schlicht „Blödsinn“, meinte der deutsche Soziologe Harald Welzer am Donnerstagabend beim Mediengipfel Lech. Immerhin lebe man in Westeuropa seit 70 Jahren in Stabilität, Sicherheit und Wohlstand. Diese offene Gesellschaft sei das „erfolgreichste Projekt“ der Menschheitsgeschichte, so der 58-Jährige, trotzdem gebe es ein unzufriedenes Fünftel, das alle Errungenschaften wie Rechtsstaat und soziale Marktwirtschaft für eine Vergangenheit aufgeben möchte, die es schlicht nie gegeben hat. Immer existiert habe hingegen diese tobende Minderheit, nur würde deren Ärger über vermeintlich herrschende Zustände in den letzten Jahren überproportional viel Platz in Medien und Politik eingeräumt. Überhaupt sei der öffentliche Umgang mit Rechtspopulisten „unklug“, argwöhnt Welzer und meint in Richtung AfD: „Plötzlich sind diese Leute Thema – und was sie sagen, erscheint auf einmal als wichtig.“ Dabei könne man Vorurteilen nicht mit Aufklärung begegnen, denn Menschen würden ihre Vorurteile lieben, so der Soziologe. Sie dienen als Orientierung in einer Welt des ständigen Wandels.

Natürlich gebe es tatsächlich ein Elitenversagen, sagt Welzer und nennt als Beispiele die Fifa, Volkswagen und die Deutsche Bank. Geschickte Populisten würden den Unmut darüber nutzen und beispielsweise gegen Flüchtlinge umlenken.

Es brauche Menschen, die aktiv für die Demokratie einstehen und auch über die Errungenschaften sprechen: Etwa die gestiegene Lebenserwartung, höhere Bildung, sowie dass niemand Opfer von Hungertod oder politischer Willkür werde, sagt Welzel und zitiert den Philosophen Karl Popper: „Hören die Menschen auf, für eine offene Gesellschaft zu kämpfen, ist es mit allem vorbei-mit der Freiheit, mit der Demokratie und mit der Marktwirtschaft.“

(Tiroler Tageszeitung vom 3. Dezember 2016, Seite 16)

Schelling kritisiert Ministerkollegen

Den Finanzminister ärgert die Art, wie der Pensionshunderter ausgehandelt wurde.

Von Benedikt Mair

Lech – Mit Kritik an seinen Regierungskollegen hat Finanzminister Hans Jörg Schelling gestern beim 10. Europäischen Mediengipfel in Lech nicht gespart. „Ich habe kein Verständnis dafür, dass aus reinem Populismus ein Hunderter ausbezahlt wird, der so gar nie abgemacht war“, sagte Schelling im Gespräch mit Journalisten über den kürzlich beschlossenen Pensionshunderter. Vor allem Vorgehensweise und Entscheidungsfindung innerhalb der Regierungsspitze stoßen dem Finanzminister sauer auf. Die Einmalzahlung sei hinter seinem Rücken beschlossen worden, klagt Schelling. Grundsätzlich habe er nichts gegen Kuhhandel, „aber nur, wenn auch mit Kühen gehandelt wird“. Ein weiteres Thema waren der Brexit und seine Auswirkungen auf die EU. „Der Schaden für Großbritannien wird deutlich höher sein als für das restliche Europa“, prognostiziert Schelling. Eine größere Gefahr für die EU sei laut dem Finanzminister die Möglichkeit eines Dominoeffekts. „Wer gehen will, soll gehen, aber ich werde den Briten keinen Ausstiegsvertrag unterschreiben, der diesen Dominoeffekt unterstützt.“

Auch zum morgigen Referendum in Italien nahm der ÖVP-Politiker Stellung. Schelling befürchtet, dass die Verfassungsreform abgelehnt wird. Zwar wäre die von Italiens Premierminister Matteo Renzi angestrebte Reform ein „großer Wurf“, aber möglicherweise werde es „aus reiner Protesthaltung negativ ausgehen“. Außerdem habe Renzi – wie schon etwa der britische Premier David Cameron beim Brexit-Votum vor ihm – den Fehler gemacht, den Ausgang des Referendums mit seinem Verbleib an der Regierungsspitze zu verknüpfen. Dadurch werde es möglich, dass bei Referenden auch generell Protest und Unzufriedenheit ausgedrückt werden, meinte Schelling.

(Tiroler Tageszeitung vom 3. Dezember 2016, Seite 16)

„Europa ist meine friedliche Heimat“

Wo steht Europa und wo entwickelt es sich hin? Drei junge Menschen sprechen über die EU und ihre Zukunft.

Von Benedikt Mair

Lech – Seit zehn Jahren treffen hochrangige Politiker und etablierte Journalisten in Lech zusammen, um beim Mediengipfel über die Probleme und Lösungen zu diskutieren, die Europa und die Welt bewegen. Um nicht nur den alten, erfahrenen Medien-und Polithasen das Wort zu überlassen, gibt es seit fünf Jahren ein Stipendienprogramm des Europäischen Parlaments. Es ermöglicht jungen, politisch interessierten Studenten, beim Gipfel in Lech teilzunehmen, mitzureden und mitzudenken. Ihnen gehört schließlich die europäische Zukunft.

Eine dieser Stipendiaten ist Stefanie Achammer aus Hall in Tirol. Die 21-Jährige studiert Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck und zeichnet ein düsteres Bild vom Weg, den Europa derzeit einschlägt: „Die Europäische Union entwickelt sich in eine Richtung, die nicht gut ist.“ Spätestens seit dem Brexit steht für sie fest: „Das Projekt Europa ist ernsthaft in Gefahr.“ Verwunderlich sei es aber nicht, dass viele Menschen dem europäischen Staatenbund mit einer gewissen Skepsis gegenüberstehen, Populisten immer mehr an Boden gewinnen würden, denn „die Leute fühlen sich nicht verstanden und das muss sich wieder ändern“. Jeder für sich könne dazu beitragen, indem er hinausgeht, als überzeugter Europäer mit den Menschen spricht und sie von den Vorteilen der EU überzeuge.

Ähnlich sieht es Nils Ketterer, 28 Jahre alt und freiberuflicher Autor und Journalist. Es sei wichtig, die europäischen Werte weiterzugeben und weiterzuleben. „Ein vereintes Europa ist eine schöne Idee, voll mit Hoffnungen und Chancen.“ Für ihn ist die EU auch eine Notwendigkeit, denn wer glaube, dass ein einzelner, kleiner Staat in Zukunft bestehen könne, der würde sich irren. „Zusammenschließen ist immer besser als gegeneinanderzuarbeiten“, findet Ketterer.

„Europa ist meine friedliche Heimat“, sagt Julia Hahn, 23-jährige Jura-Studentin aus Wien. Und auch wenn diese im Moment zu zerbrechen droht, so habe doch jeder überzeugte Europäer selbst die Verantwortung zu tragen, dass diese seine Heimat nicht zerstört werde: „Bis jetzt haben sich Pro-Europäer darauf beschränkt, die EU schönzureden. Das muss sich ändern, wir müssen auch wieder kritisch hinterfragen. Nur dann können Fehler entdeckt, Probleme behoben werden.“

(Tiroler Tageszeitung vom 2. Dezember 2016, Seite 10)