Jan-Werner Müller (Foto: Daniela Schmid)

„Populisten leben vom Kulturkampf“

Sie schließen aus. Sie wollen entscheiden, wer zum „wahren Volk“ gehört. Der Politologe Jan-Werner Müller sorgt mit seiner Populismus-Theorie für Aufsehen. Ein Gespräch über den Siegeszug der Populisten und die Gefahren für unsere Demokratie.

von Philipp Bauer und Sara Noémie Plassnig Weiterlesen

Kritik statt Innovation – Eine Never-Ending-Story

von Pascale Senn

Der Mediengipfel in Lech ist vorbei – was bleibt, sind viele Eindrücke. Ein kleines Resümee: Wir, die jungen Journalisten der Medienakademie, hatten es gut. An kaum einem anderen Ort ist es möglich, mit so vielen spannenden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Medien ins Gespräch zu kommen.

Wir wurden aufgenommen, respektiert und nach unseren Meinungen gefragt. Und doch bleibt die Frage, ob die Stimme der Jungen in Lech nicht unterging? Das Durchschnittsalter der Referentinnen und Referenten lag gefühlt über 40 Jahre – wenn nicht sogar höher. Ja, im Publikum waren auch jüngere Gesichter anzutreffen, aber diskutiert, analysiert und vor allem kritisiert hat vor allem die ältere Generation.

An diesem Wochenende war das Thema Zukunft allgegenwärtig: „Unsere Zukunft in Europa – Potenziale einer neuen Risikogesellschaft“ lautete das Motto. Aber es wurden kaum diejenigen einbezogen, um deren Zukunft es hier vor allem geht. Und wenn wir schon dabei sind: Diskussionen über Europa waren geplant, im Zentrum vieler Diskussionen stand aber österreichische Innen- und Außenpolitik. Die Sicht war für „europäisch“ zu einseitig, wie die Herkunft der Mehrheit der Redner. Die Nicht-Österreicher lassen sich fast an einer Hand abzählen.

Kommen wir auf drei Schlagworte zu sprechen: Innovation, Ideen, Lösungen. Alle Punkte wurden angekündigt, aber mehrheitlich außen vor gelassen. Egal ob bei Vorträgen oder Diskussionen: Es wurde kritisiert und gejammert, beklagt und bemängelt. Aber wo ist der Optimismus über die Leistungsfähigkeit unserer modernen Gesellschaften, wie ihn Harald Welzer zu Beginn des Gipfels einforderte? Wo die Lösungsansätze? Die innovativen Ideen? Das sind Fragen für eine ungewisse Zukunft.

Bezeichnend ist, dass auch wir – die Jungen, die mehr Mitsprache fordern und sich einbringen wollen – dem Muster treu bleiben: Wir kritisieren, dass immer nur kritisiert wurde.

Den Hass im Internet aussitzen

Die Schweizer Soziologin Katja Rost rät im Umgang mit Trollen im Netz dazu, beleidigende Postings einfach zu ignorieren.

Von Theresa Kirchmair

Lech – Dem Hass, der sich in Internetforen und den sozialen Medien manifestiert, widmete sich gestern eine Diskussionsrunde beim Mediengipfel. Dabei zeigte sich, dass auch unter Experten große Uneinigkeit über den Umgang mit beleidigenden Postings herrscht.

Nicht alle sozialen Medien kämpfen gleichermaßen mit teils sogar strafbaren Aussagen ihrer Nutzer. Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich, erklärt, dass es in öffentlich-privaten Foren wie Facebook deutlich mehr Hasspostings gebe als im eher beruflich genutzten Twitter. „Auch Plattformen mit nur einem Thema, zum Beispiel zum Tierschutz oder der Korruption eines Politikers, sind sehr anfällig.“ Im Vergleich zwischen den Plattformen geben das Thema und die Zugänglichkeit des Mediums den Ton vor. Auch das Bildungsniveau macht einen großen Unterschied: „Auf Kanälen, in denen die Gesamtbevölkerung und nicht nur die intellektuelle Elite vertreten sind, herrscht ein deutlich schärferer Ton. Die meisten Hasskommentare haben wir beim Thema Tierschutz gefunden.“

Die Soziologin selbst entzieht sich Facebook vollkommen, um dem dort verbreiteten Hass zu entgehen. Dennoch ist Facebook ein wichtiger Forschungsgegenstand-die Wissenschafterin sieht darin keinen Widerspruch. In ihrem Beitrag zur Diskussionsrunde riet sie, Hasspostings keine Beachtung zu schenken. Sie meinte außerdem, dass sie keine Freundin der Gegenrede sei, denn diese sei zeitaufwändig und stachle aggressive Poster oft noch weiter an. Sie sieht die Möglichkeit, dass auch beleidigende Postings als Teil eines Diskurses etwas beitragen können – alles andere wäre ein elitärer Ansatz. Es wäre einfach nur eine andere Art von Diskurs, wenn auch ein sehr verrohter. Die Forschung versuche, die Funktionalität von Hasspostings zu sehen. So würden diese schon von einem gewissen Interesse an Politik zeugen. Zudem ist Rost der Meinung, dass man die Stimmung nicht überdramatisieren sollte – das sei nun mal die Auswirkung der neuen Technologie. Diese würde die Grundlagen unseres Zusammenlebens auch nicht verändern. Gleichzeitig aber sagte sie, dass sich die sozialen Normen grundlegend geändert hätten, so seien Eindrücke aus dem Privatleben von Politikern früher nicht denkbar gewesen.

(Tiroler Tageszeitung vom 3. Dezember 2016, Seite 16)